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Neuer Selbstversuch

Biolumne

  • Von Reinhard Renneberg, Uni-Klinik Halle
  • Lesedauer: 2 Min.

Oh nein, was für ein schlechter Scherz! Gerade arbeite ich an einem neuen Cartoonbuch für Kinder: »Mikroben - unsere besten Freunde«. Da erwischt mich nach einer Operation im Krankenhaus eine Infektion ... Eine halbe Stunde Schüttelfrost, Fieber, Blutdruck auf 200. Wie im Kino. Die Ärzte bestimmen den Bösewicht nach drei langen Tagen als Escherichia-coli-Stamm, normalerweise ein überaus nützlicher Darmbewohner. Nun aber ist er gegen Ampicillin, Cefotaxim, Ceftazidim, Piperacillin, Ceftriaxon, Cefepim und Cefuroxim resistent! Ich hatte ja keine Ahnung, was es alles gibt ... Die Schwester infundiert nun Zienan, eine Kombination aus dem Antibiotikum Imipenem und dem Hilfsstoff Cilastatin. Es schlägt an!

Vor 90 Jahren entdeckte der Schotte Alexander Fleming nach einem feucht-kalten Sommer im Labor eine vergessene Bakterienkultur. Ein Schimmelpilz war auf die Agarplatte gelangt, gewachsen und hatte die Bakterien in seiner Umgebung getötet. Fleming isolierte die Substanz und nannte sie nach dem Pinselschimmel Penicillin. Das Wundermittel rettete dann Millionen das Leben. Gegen Streptokokken, Staphylokokken, Gonokokken, Spirochäten wirkte es fantastisch. Der Trick der Schimmelsubstanz: Sie baut einen sogenannten Lactam-Ring in die Zellmembran der Bakterien. Der wirkt dort wie ein bröckeliger Baustein in einer Staumauer: Hier bricht der Damm. Einige Bakterien überleben allerdings die Penicillin-Attacke. Sie besitzen Enzyme, die sogenannten Lactamasen. Die zerstören den Lactamring. Und so wird der nicht mehr in die Zellwand sich teilender Bakterien eingebaut. Die Zellen platzen nicht mehr durch osmotischen Druck. Sämtliche Tochterzellen sind resistent. Evolution im Schnelldurchlauf! Da ihre Nahrungskonkurrenten tot sind, haben sie Futter im Überfluss.

Davor warnte Sir Alexander schon während des Siegeszuges des Penicillins. Wenn es billig würde und bei jedem Zipperlein geschluckt, würde eine Evolution im Schnelldurchlauf resistente Varianten schaffen. Und so ist es gekommen!

Penicillin war so erfolgreich, dass einige Pharmaunternehmen Ende des 20. Jahrhunderts aus der Antibiotikaforschung ausstiegen. Die Suche nach neuen Mitteln wurde erst jüngst verstärkt.

Angesichts von 56 000 (!) Todesfällen pro Jahr durch Sepsis in Deutschland wäre es gut, wenn die behandelnden Ärzte möglichst schnell wüssten, welcher Erreger mit welchen Resistenzen in ihrem Patienten wütet. Deshalb wird fieberhaft daran gearbeitet, die Zeit bis zur Bestimmung des Erregers zu verkürzen. Derzeit muss man drei bis fünf Tage auf das Ergebnis warten. Forscher vom Fraunhofer Institut für Angewandte Informationstechnik in Sankt Augustin schaffen es mit ihrem System Pathosept in neun Stunden. Am Leibniz Institut für Photonische Technologie in Jena gelingt eine Resistenz-Bestimmung sogar in nur zwei Stunden. Noch sind das aber Prototypen.

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