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Flut ohne Ebbe

Zum 70. Geburtstag des Komikers Otto Waalkes

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der lachende Philosoph ist leider ein Wunschtraum. Denn wie kann ein Mensch zu Heiterkeit finden, wenn er das Denken nicht loskriegt. Dauerkritischer Geist ist Last und Plage. Dagegen musste dringend etwas erfunden werden - man möchte doch mal befreit in eine Sinnlücke springen. Und also wurde Otto erfunden.

Er hat die Nervosität eines Tausendfüßlers, der zu viel ostfriesischen Tee trank. Da ist ein Zappeln, ohne je das Zippeln zu vergessen. Das flattert und hüpft, nein: hüpft und flattert. Otto Waalkes ist der Nonsensenmann, der alles Ernste, also Lachhafte, springfedrig niedermäht. Der Humor des Mannes mit dem dünnen Faden-Kreuz wirkt auf sehr spezielle Weise entwaffnend: Er ist unter aller Kanone. Waalkes rudert mit Armen und Beinen - Werbung für Windräder in Deichnähe. Nordseeland ist flach, Otto kann flacher sein. Und trotzig auch: »Einen hab ich noch!« Wie Heinz Erhardt, dem er gewissermaßen nachfolgte, als dieser, nachdem er unzählige Lachanfälle verbreitet hatte, ins Schweigen eines Schlaganfalls fiel.

Die Geschichte der Menschheit ist sehr kurz zusammengefasst: Am Anfang war das Wort, dann muss es ihm die Sprache verschlagen haben - bis Otto anhub. Der Wortschwall, begleitet vom kehligen »Hahaha!« oder »Hollerehidi!«, ist wie ein kleiner Bruder der Sturmflut, freilich ohne jede Ebbe. Aus Ostfriesland hat der kurzzeitige Pädagogikstudent Ottofriesland gemacht. 1948 wurde er als Sohn eines Malermeisters in Emden geboren, bekritzelte die Tapetenreste: »Heile Welt, meine Eltern haben sich ewig geliebt.« Was freilich Schicksalsschläge des Jungen nicht verhinderte - eine WG sperrte ihn zusammen mit zwei Leuten, die bis heute versuchen, ebenfalls prominent zu werden: Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen. Waalkes dagegen kann - nach dem Prinzip »Besser ein eigenes Denkmal als ein fremdes Abendmahl« - in seiner Geburtsstadt sogar auf ein »Otto-Huus« verweisen, einen als Museum getarnten Otto-Shop mit Ottifanten-Plastik davor.

Ja, das Museum heißt Huus, nicht Haus. Man erreicht es ja auch nicht zu Fauß, sondern zu Fuß. Es gibt Einblicke in biografische Bedeutsamkeiten. Etwa: der erste Kaugummi - vom 2. Februar bis zum 6. April 1952. Otto war Harry Hirsch und Oberförster Pudlich, Susi Sorglos (mit flunkerndem Fön) und Oberkellner Patzig, er war Kinderpsychologe Dr. Prügelpeitsch, Frau Suhrbier - und Robin Hood, der »Rechner der Vererbten« (unvollständiger Otto-Katalog). »Otto - Der Film« wurde mit knapp 15 Millionen Besuchern zum erfolgreichsten deutschen Kinofilm aller Zeiten.

In den Befreiungsrausch der Achtundsechziger hatte sich schnell auch das Bewusstseinszüchtige, das Theorieschwere eingenistet, und dahinein platzten 1973 drei seltsam schräge TV-Ereignisse: Heinz Schuberts Familientyrann Ekel Alfred, jener Frontalangriff auf die Gemütspolster der plüschig-staubigen Familienserien, dann der halbseidene Unterleibs- und Erbsenhirn-Klamauk von »Klimbim« - und die erste Show von Otto. Es war, als rülpste der deutsche Humor unvorbereitet frech in die Gottesdienste für Bravheit und Biedersinn, und zugleich riss da etwas an den Grundfesten politischer Konzeptgier.

Auch wenn Otto immer gern von einem »Protestlied gegen die Unterarmnässe« sprach, und trotz solcher Strauß-Verse wie: »Das Wasser ist trüb, die Luft ist rein,/ Franz Josef muss ertrunken sein« - über die Niederungen jener Funktionärsparodie, die Kohl, Merkel und Trump benötigt(e), um augenfällig zu werden, ist er in seiner klassisch gewordenen Pose konsequent hinweggehüpft. Er ist der Komiker, für den es, nach seinen eigenen Worten, nie zum Kabarett reichte. Was keineswegs weniger Arbeit bedeutet: »Aller Unfug ist schwer.«

Für Waalkes schrieben Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Peter Knorr - jene Ägide der satirischen »Neuen Frankfurter Schule«, die das klassische Programm der Aufklärung zum größten Witz erhob. Otto siedelt aber weitab vom geölten Gram jener Schreibstuben-Radikalauer, die ihre Bosheit (also das, was sie dafür halten) abrufen wie einen vor Urzeiten gelernten Text. Über Leute wie ihn hörte man’s im Amt für hohe Maßstäbe dauerhaft knacken, denn regelmäßig wurde ein Stab nach dem anderen über diesen Komiker gebrochen. Reflex von Leuten, die ständig gegen andere pädagogisieren müssen - man wähnt sich leidenschaftlich gern prinzipiell, aber die Wahrheit ist: Man kann offenbar nicht mit jener Freiheit umgehen, die unsere Seelenmöglichkeiten so aufregend weit spannt. Ja, der Mensch kann die Welt anzünden, aber er kann auch wunderbar Posaune blasen, schrieb der Humorist Johannes Conrad. Wir sind Monster und Monchhichi. Das eine und das andere. Das eine im anderen. Das eine gegen das andere. Das bleibende Spannungsfeld. Bis hin zu den Schranken des Jüngsten Gerichts: »Hohes Gewicht! Verehrte Geschwollene! Angenagter!«

Vergebliche Mühe, in Otto den traurigen Clown entdecken zu wollen. Nein, Otto ist so albern, wie er wirklich ist: entspannend geistklein - die Gaudi-Gala als Hochamt des Spielers. Der all den Blödelunfähigen einen Arsch zudreht und sich nicht zu fein ist, dafür das Gesicht zu nehmen. »Unser Hund hat immer Leute auf dem Fahrrad gejagt. Jetzt haben wir ihm das Fahrrad weggenommen.« Otto ist das alterslose Kind in weiträumigen Trainingshosen, das aber nicht vom Fliegen träumt, sondern nach wie vor Spaß daran hat, eine Möwe zu spielen - die kotzen muss im Windgewusel.

Der Gitarrenspiel-Könner, mit gegenwärtiger Lust sogar auf Heavy-Metal-Festivals, hat als Siebzehnjähriger die Band The Rustlers gegründet und in Hamburg auch vier Semester Kunststudium überstanden - geblieben ist eine malerische Lust der Anverwandlung, die zu beachtlichen Ausstellungen führte: Otto und sein Ottifant in Motiven von Edvard Munch, Caspar David Friedrich, Roy Lichtenstein, Edward Hopper und Jeff Koons. Wiedererkennung und Befremden als Wahrnehmungsformen, die sich ineinanderschieben. Nicht die Winde eines Luftschachts, wie bei Billy Wilder, sondern zwei Ottifantenrüssel sind es, die Marylin Monroes Rock in die Höhe blasen. Musik, Malerei - eine große Lust also aufs Multivitale. Das Angebot eines »Tatort«-Kommissars lehnte Waalkes allerdings ab. Weil er sich nur fähig sah für Dialoge folgender Art: »Herr Kommissar, der Angeklagte hat gestanden.« - »Wie, die ganze Zeit? Und Sie haben ihm keinen Stuhl angeboten, Mensch, Klappke, altes Streifenhörnchen!«

Jeder Mensch ist dreifach an die Welt gekettet: durch das Schicksal, festgelegt und begrenzt zu sein, durch die Fremdbeobachtung dieses Schicksals und durch die ständige Gefahr, als Opfer dieses Schicksals auch noch verlacht zu werden. Der Komiker tröstet uns, indem seine albernen Figuren ihr eigenes bespottenswertes Schicksal in die Runde werfen - so dürfen wir für die Dauer eines Sketches Überlegene, Unangetastete sein. Momentlang Selbstbewusste, die sich bei der hehren Anrufung Gottes endlich mal die Frage trauen: Hat der Mann überhaupt Ohren? Otto, das ist, als verstünde man Peter Sloterdijk, ohne ihn lesen zu müssen! Das ist wahre Volkshochschule.

Aber was wäre eine Würdigung, ohne diesen einen Namen zu nennen: Sid. Das Faultier aus dem Film »Ice Age«, dem Otto in der deutschen Fassung seine Stimme nicht leiht, sondern schenkt. Eine Gemütspartnerschaft: das Chaos benutzen, um sich darin auszuruhen. Naivität - zu ihr passt, dass Otto sehr oft die Frage beantworten soll, warum so viele Kinder in seine Shows kamen und kommen. Komikers schulterzuckende Entgegnung: »Das hat sich Jesus auch immer gefragt.« Am Sonntag wird Otto Waalkes 70 Jahre alt.

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