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Die Diktatur der Ausrufezeichen

Welchen Nerv trifft der Roman »Das Feld« von Robert Seethaler, der seit Wochen an der Spitze der Bestsellerliste steht?

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

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Robert Seethaler
Robert Seethaler

Mit den Jahren trocknet das Hirn aus. Gut ist, dass man im Laufe der Zeit leichter wird: »Das schwerste sind nämlich die Gedanken, und die bleiben zunehmend weg. Vieles löst sich ganz von alleine. Eigentlich alles.« So sieht es Annelie Lorbeer, die im Alter von 105 Jahren gestorben ist und jetzt ihre ewige Ruhe auf dem Paulstädter Friedhof unterbricht. Sie ist eine von 29 Toten, die in Robert Seethalers neuem Roman »Das Feld« zu lakonischen Monologen ansetzen. So unterschiedlich diese Kleinstädter gewesen sein mögen, ihre Reden aus dem Grab heraus eint die Suche danach, was auf dem Grund ihrer Existenz lag.

Das Buch des österreichischen, in Berlin lebenden Schriftstellers steht seit Wochen auf Platz eins der »Spiegel«-Bestsellerliste - jenem Ort, der ansonsten reserviert ist für die neuen Werke internationaler Starautoren wie Stephen King und J. K. Rowling, für skandinavische Thriller oder für Werke zum Wohlfühlen. Welchen Nerv trifft dieses unaufgeregt erzählte, melancholische Prosastück ohne echten Plot? Zumal es bei Seethaler nicht in erster Linie um das im Sachbuchsegment derzeit so verkaufsträchtige Thema des Sterbens geht. Nein, in der Rahmenhandlung spaziert ein alter Mann über den fiktiven Friedhof, den die Einheimischen »Das Feld« nennen. Er fragt sich, was all die Leute unter der Erde wohl heute zu sagen hätten, von denen er so viele persönlich kannte.

Und dem Senior schwant, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen könne, wenn er »sein Sterben hinter sich gebracht« habe. »Als junger Mann«, so steht es schon im ersten Kapitel, »wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie zurückzugewinnen«. In Seethalers über mehr als 200 Seiten hinweg auf genau diese Weise in den Stimmen der Verstorbenen sich fortsetzendem Klageton könnte der entscheidende Hinweis liegen, der den kommerziellen Erfolg des Buches erklärt.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich 2005 mit seiner Gesellschaftsdiagnose zur Beschleunigung aller Lebensverhältnisse einen Namen gemacht. Wenn im gegenwärtigen, auf Wachstum und Dynamik angewiesenen Wirtschaftssystem alles beschleunigt und verdichtet werde, so Rosa, dann könne es sein, dass immer mehr Leute diese Beschleunigung als Zumutung erleben. Die weite Welt sei den Bewohnern demokratischer Staaten heute zum Greifen nah - aber sie sei verstummt. Was den sozialen Beziehungen im Zeitalter der Beschleunigung fehle, das sei eine Resonanz.

Für Rosa bemisst sich der Wert eines Lebens nicht in der Anhäufung von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten, sondern in der Qualität der Anerkennungs- und Antwortbeziehungen zur Welt. Wer sich in den sozialen Netzwerken im Internet herumtreibt, sieht sich in jeder Filterblase mit Aggression und Selbstgerechtigkeit konfrontiert. Auch im realen Leben - bei der Partnersuche, im Beruf, auf Studentenpartys, beim Jobcenter - regiert die Diktatur der Ausrufezeichen, die jeden abhängt, der zu langsam, zu ernsthaft, zu leise, zu nachdenklich, zu bescheiden, zu uncool auftritt. Der Lärm der Zeit lässt keine Zwischentöne mehr zu, weil das postmoderne Leben für viele ein Prozess des Abhakens von Stationen ist, in dem die Erfolgreichen selten innehalten, zögern oder zweifeln.

Bei Seethaler berichten die Figuren von ihren irdischen Sorgen und Erlebnissen. Sie fahnden nach der Essenz ihres Daseins und grübeln grantelnd, was bleibt von ihrer kurzen Zeit auf dieser Erde, die bestimmt war von Zwängen, angesichts derer sie sich im Rückblick fassungslos fragen, wie sie sich das nur gefallen lassen konnten. »Solange man lebt, ist immer noch etwas zu machen«, sagt der flanierende Mann am Ende; und ob Seethaler es nun so wollte oder nicht - er hat damit auf den letzten Seiten seines Romans einen Satz ersonnen, der als Aphorismus zur Beschreibung jenes flexiblen Kapitalismus taugt, den sein Personal zuvor am Beispiel verschiedener persönlicher Schlaglichter erkundet hat.

Neben dem tätigen Leben, wie es Rosa analysiert, enthalten diese Worte auch eine paradigmatische Hülle. In seinem auf vier Bände angelegten Werk »Homo sacer« (lat. »Heiliger Mensch«) entwickelt der italienische Philosoph Giorgio Agamben die These, dass die permanente Intensitätssteigerung in der globalisierten Welt den Menschen auf sein »nacktes Leben« reduziere. Die Politik kenne heute keinen anderen Wert mehr als diesen, die Herrschenden seien sozusagen zu Ärzten geworden. Laufend gebe es neue körperregulierende Maßnahmen wie Alkohol- und Rauchverbote, um den heiligen Wert des gesunden Leibes zu betonen.

Wer das bei der Lektüre im Bewusstsein trägt, den verwundert nicht, dass bei Seethaler ausgerechnet das Kapitel der früheren Tabakwarenverkäuferin Sophie Breyer aus einer in einem einzigen Wort ausgedrückten Feststellung besteht: »Idioten.« Das Leben, so Agamben, rücke in den Einzugsbereich der Macht, wobei die starke Betonung der Souveränität des nackten Lebens über das Selbst immer auch die Kehrseite in sich berge: das als unwert betrachtete Leben. Zwischen Demokratie und Despotismus zeige sich im Umgang mit den Schwächsten eine innere Solidarität, wenn Menschen danach beurteilt werden, welche Leistung sie erbringen und ob sie »der Gemeinschaft zur Last fallen«.

Es ist genau diese Logik, der die Protagonisten in »Das Feld« zu Lebzeiten auf den Leim gegangen waren. Sei es Lennie Martin, der sich ob seiner Spielsucht selbst geißelt, oder aber Hilde Friedland, die auf 67 Liebhaber im Laufe ihres Lebens kommt und sich nicht so recht erklären kann, warum sie eigentlich immer wieder neue Männer zu brauchen glaubte. War es die ständige Suche nach einem optimalen, ja optimierten Leben? War es die Einsamkeit wegen einer fehlenden Antwortbeziehung zur Welt?

Unerbittlich zeigen sich die Umstände in diesem Buch auch, wenn jemand die Erwartungen anderer beiseitegeschoben hat. Gerd Ingerland brach beispielsweise nach dem Tod seines Vaters sein Studium ab, ging zurück nach Paulstadt, wurde Versicherungsmakler, heiratete eine Kollegin - und die betrog ihn später mit dem Intimfeind aus Jugendtagen. Ein Schmerz, von dem er sich nie erholte. Der Lokaljournalist Hannes Dixon, der eigentlich ein erfülltes Berufsleben hatte, zetert im Nachhinein: »Ich habe getan, was ich konnte. Nichts von dem, was ich druckte, ging um die Welt, alles blieb in Paulstadt.« In beiden Leben schnappte sie zu, die Falle der poetischen Gerechtigkeit im Sinne des beschleunigten »Homo sacer«.

Gerade die von Hartmut Rosa diagnostizierte Tendenz zu Wachstum und Dynamisierung, die den Wohlstand in westlichen Demokratien überhaupt erst erzeugt hat, bringt die Menschen offenbar dazu, sich die von Giorgio Agamben beschriebene Verwertungslogik einzuverleiben. Alle Figuren in Seethalers Roman scheinen das intuitiv zu wissen. Erst nach ihrem Ableben begehren sie dagegen auf, indem sie der unausweichlichen Vergeblichkeit ihres Tuns einen Trotz entgegensetzen, der sich beim Lesen tröstend anfühlt.

Mit niemand sonst als Annelie Lorbeer lässt sich dieses Empfinden in einfache Worte fassen: »Der Tod bleibt sich für alle gleich.« Im Grunde, sagt sie, verstehe sie nichts von der Liebe, und vom Leben wisse sie nur, dass man es zu leben habe. »Aber immerhin«, resümiert sie, »habe ich jetzt vom Sterben eine Ahnung: Es beendet die Sehnsucht, und wenn man stillhält, tut es gar nicht weh.«

Robert Seethaler: Das Feld. Hanser Berlin, 240 S., geb., 22 €.

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