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Das »ND«: König Wahnsinns Hof?

Zum 75. Geburtstag der Schriftstellerin Irina Liebmann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Die Heilige Gottesmutter von Kasan. Und ein deutscher Nagel. Den schlägt Irina Liebmann in die Wand. Prangen soll die Ikone - als Blickfang in der Berliner Wohnung. Doch herrscht schlagartig Finsternis. Der Nagel zerstörte eine Stromleitung. Aber Lichtentzug führt zur - Erhellung: Die Schriftstellerin blickt das Heiligenbild nunmehr erst wirklich an - und sie wird nach Kasan fahren. Schaut dort. Spricht. Seufzt. Stört. Schweigt. Singt. Schreit. Sie sucht: die Russen. »Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, beinahe vergessen.«.Drei weite Reisen nach dem Ende der roten Ära. »Drei Schritte nach Moskau« - so heißt dieses greifende Buch von 2013.

Irina Liebmanns Beobachtungen als Aufruf von Geschichte: Die einen nennen den Sozialismus ein »Verbrechertum«, andere setzen Stalin noch immer mit Gott gleich. Die dritten Stalin mit Hitler. Tiefer böser Streit. Erschütternd für Liebmann: der Judenhass. »Ich konnte es auf einmal spüren, ein Grauen, eine uralte, panische Angst, flatternd, körperlich.« Die Autorin möchte am liebsten in Russland bleiben - und auch nicht. 1943 wurde sie in Moskau geboren, der Vater ein deutscher Kommunist, die Tante weit hinterm Baikalsee eine kluge, aber sowjetdistanzierte Lehrerin, die Mutter ebenfalls Kommunistin - die später in der DDR nur als »die Russin« durchs Leben laufen wird, geschichtlich zwar eine Siegerin, doch heimatlos.

Zwischen ihr und der Tochter Irina, die diese deutsche Stacheldrahtgrenze hasst und 1988 in den Westen geht, vollzieht sich letztlich »ein Verstummen«. Hart. Hässlich. Das Jahrhundertgift. Liebmann beizeiten über die DDR: »Was ich nicht verlassen kann, das kann ich auch nicht lieben.« Literatur sei zu beträchtlichem Teil »geschütztes Sprechen als Abbild eines geschützten Lebens« gewesen. Denn man habe sich, eingetaucht in den Stillstand und gefangen in ihm, »vor Bewegung geschützt, also vor sich selber«.

»Berliner Mietshaus« heißt das legendär gewordene Buch von 1982, eine Klingelpartie, von Wohnung zu Wohnung. Report, Protokoll - Alltag als Pathos des Unpathetischen, bis eine Streichergruppe einsetzen müsste. Ein Spiel mit der Wirklichkeit, bis die das Geständnis ablegt: Ja, so bin ich. Blick auf Leute, die gern sie selber sein, aber doch auch leben wollen. Wie sie dafür - oder gegen etwas - zerren, zappeln, Zähne zeigen. Und Zartheit.

Liebmann ist keine Schriftstellerin, die Bescheid weiß. Am Anfang ihrer Prosa (»In Berlin«, »Mitten im Krieg«, »Die freien Frauen«) so wenig wie an deren Ende. Schön, dies in ihrem Werk von Satz zu Satz zu erleben. Von Sätzen zu Sätzen - die einerseits voranjagen, lieber kurz angebunden sind als zu ausgreifend, die andererseits aber gern eine Pause einlegen; die Texte bestehen immer wieder auf Absätze, so wie eine Treppe auf Absätze besteht, sonst wäre sie keine Strecke, die das Auf mit dem Ab verbindet, das Himmelwärts mit dem Erdwärts. Noch im endgültig fixierten Ausdruck dessen, was sie findet und empfindet, ist Irina Liebmann eine Tastende.

Die studierte Sinologin, die in Ostberlin eine Zeit lang in einer außenpolitischen Zeitschrift arbeitete, wurde zu einer Romantikerin des so wehen, bittereren wie träumerischen Realismus. »Das Glück baut eine Remise«, schrieb sie. Das Glück als Balkonmoment - Beschwörung des Lebens jenseits von Siegesehrgeizen und Feindbildern. In den 80er Jahren schuf sie poetische Fotoessays über die Berliner Gegend rund um den Hackeschen Markt. Dokumente mit Seele. Bilder vom Heimischsein in dem, was verschwindet. Eine Zeugnisart wie in ihren Gedichten und Theaterstücken - als trüge das Gemüt den Satz des großen Fotografen Cartier-Bresson: Verstand, Auge und Herz seien auf eine Linie zu bringen. Gilt nicht nur fürs Fotografieren. In ihrem Stück »Berliner Kindl« wird gefragt und geantwortet: »Was wird denn gut von dem, was man tut? Am Ende nichts.«

Dazwischen aber: Versuche und Versuchungen - und das für mich erschütterndste Buch Irina Liebmanns, 2008: »Wäre es schön? Es wäre schön!« Das Porträt ihres Vaters Rudolf Herrnstadt. Er war von 1949 bis 1953 Chefredakteur des »ND«. Auch: Kandidat des Politbüros. 1954 aus der SED ausgeschlossen, als Fraktionär. Der Jude aus Gleiwitz, der Dichter werden wollte - und sowjetischer Aufklärer geworden war. Auf das, was von ihrem Vater überliefert ist, blickt die Tochter wie auf »Kassetten am Meeresgrund«. Wie Herrnstadt mit der »Gruppe Ulbricht« nach Berlin zurückkommt. Wie er gegen die Arroganz dieser Funktionäre angeht - nicht mal Russisch lernten sie in ihrer langen Emigration, die eine Emigration der verblasenen Theoriepaukerei geblieben war. Wie er den Hinweis wagt, die deutschen Genossen mögen eines nie vergessen: Sie seien keine Revolutionäre - sie hätten ihre Macht von den Russen geschenkt bekommen. Liebmann: »Er dachte, jetzt sagen wir uns die Wahrheit.« Mit solcher Hoffnung konnte man an der Spitze der SED nur scheitern.

Liebmann ist kühl Staunende, elegisch Ergriffene vor einer Existenz, die sich klaren Linien verpflichten wollte, aber in Zerrissenheiten erfüllen musste. Der glühend Gläubige plötzlich als verfemter Ketzer - eine Jahrhundertgeschichte, die hebt und staucht. Im Schaudern des Nachvollzugs, was ihrem Vater widerfuhr, bekräftigt die Tochter ihre eigene lebensrettende Skepsis, ihre Gewissheit, dass überhitzte Ideenmagie blind macht fürs lauernde Bestiarium hinter den Zeit-Kulissen.

Herrnstadt hat die Redaktion - vor dem »ND« die Berliner Zeitung - nicht geleitet, er hat sie gelebt. Er verwaltete nicht eine Idee, er hatte Ideen. Noch wo er aschgrau aussah, war er feurig. Schön, dass man total ungesund leben, aber total glücklich sein kann. Könner können das. Er riss nicht alles an sich, er riss mit. »König Wahnsinns Hof« soll seine Truppe gewesen sein. Grandios Liebmanns Satz: »Er hat gern übertrieben, wenn der Satz davon besser wurde.« Das ist er, der Propagandarausch! Wahrheit siegt nicht, sie formuliert um: im Gefühl fürs gesteigerte Bewusstsein aufsteigen, aber im Verstiegenen nicht merken, wie viel Absturz das schon ist.

Die Verbannung in die Provinz, als Archivar nach Merseburg: schöne Gegend für Lungenkranke. Es geht kaum zynischer. Liebmann: »Er wurde einsam.« Zu seinem Verständnis von Größe gehörte, dass er später mit niemandem abrechnete. Unanständig, sich klein zu stellen. Vor allem gehört zur Größe, von großen Dingen in Mitleidenschaft gezogen werden zu wollen. Soldaten der Sache sind Mörder - ihrer selbst. 1966 der Tod. »Am Grab kein Genosse der SED, kein Freund von früher, niemand aus der Sowjetunion.«

So war es. Aber wie kam es? Die Antwort darauf fordert eine Geschichtsschreibung mit literarischer Eingebung, mit Sinn also für Anfänge, für unmerklich sich entfaltende Gegensätze, für Steigerungen. Und Sinn ist vonnöten auch für die Verzögerungen, in denen die Dinge den Atem anzuhalten scheinen, ehe sie doch aufeinanderprallen. Erforderlich am Ende: Nerv für umsichtig gesetzte, weiterstoßende Schlüsse. Geschichte ohne Sinn für Literatur tendiert zur Abtötung ihres Gegenstandes.

Irina Liebmanns Buch lebt ganz und gar, ihre Literatur ist ein Schmerzgehäuse, in dem - trotz Hammerschlags Ungeschick - gewissermaßen eine Gottesmutter aus Kasan ihr Leuchten sendet. Und den schönsten Titel trägt einer ihrer Gedichtbände: »Gras wuchs bis zu Tischen hoch«. An diesem Montag wird Irina Liebmann 75 Jahre alt.

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