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Den Gipfel überschritten

Das Zweckbündnis der fünf Staaten verliert an Bedeutung / Brasilien und Südafrika könnten ins Abseits geraten

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Idee kam US-Investmentbankern. Sie suchten vor fast zwei Jahrzehnten neue Ziele für ihre Finanzanlagen und fanden sie - in der »Dritten Welt«. Die BRICS-Länder galten bald als Hoffnungsträger der Kapitalanleger. Brasilien-Russland-Indien-China, später kam Südafrika hinzu, sollten bis 2030 zu den erfolgreichsten Wirtschaftsländern der Welt aufschließen. Für Finanzinvestoren versprach das Modell hohe Renditen, die in den abgegrasten Märkten der alten Industriestaaten kaum noch zu erzielen waren. Doch die Marketingformel entwickelte ein überraschendes Eigenleben.

Als Erfinder des BRICS-Konzeptes gilt der Ex-Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs, Jim O’Neill. Der Brite wurde später zum Lord geadelt. Für die Gewinner von übermorgen sprachen vor allem Arbeitskräfte- und Produktivitätspotenziale. Und zwar arbeitsteilig: Brasilien diente als Rohstofflager der Welt, Russland als Zapfsäule für Öl und Gas, Indien als Softwareschmiede, China als billige Werkhalle für Konsumwaren. Und das Südafrika nach Nelson Mandela sollte das Tor zu einem Kontinent voller junger Hoffnungen öffnen. Die fünf Länder stehen für etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung, knapp 30 Prozent der Weltwirtschaft und in guten Jahren fast 50 Prozent des globalen Wachstums.

Im Sommer 2009 fand in Jekaterinburg, Russland, der erste BRICS-Gipfel statt. Seither treffen sich die Putins, Xi Jinpings und andere Staats- und Regierungschefs jedes Jahr. Sie schmieden Pläne von einem Wirtschaftsraum ohne Zollgrenzen oder einer Ratingagentur, die den US-Platzhirschen Moody’s und Standard & Poor’s Paroli bietet. Umgesetzt wurde nur ein Projekt. Die New Development Bank (NDB) soll eine Alternative zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds werden. Die NDB soll vorrangig nachhaltige Entwicklungsprojekte und Infrastruktur innerhalb der BRICS-Staaten anschieben.

Doch die Flitterwochen sind vorbei. Drei der großen Schwellenländer mussten in den vergangenen Jahren wirtschaftliche Rückschläge einstecken. In Brasilien schrumpfte die Wirtschaft sogar jahrelang. Der Anteil am Welt-BIP sank von 3,2 auf 2,5 Prozent. Eine Folge der fallenden Rohstoffpreise und der politischen Krise. Die mäßig linke Präsidentin Dilma Rousseff wurde von der rechten Opposition geschasst. Ihr populärer Vorgänger und Parteifreund Luiz Inácio Lula da Silva möchte zwar im Herbst erneut zur Wahl antreten, sitzt aber wegen Korruption in Haft.

Die korrupte Wirtschaft Südafrikas, dem mit Abstand kleinsten BRICS-Staat, stagniert praktisch. Russland konnte seinen Weltmarktanteil in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit gut drei Prozent zwar in etwa halten. Doch Wirtschaft und Staatshauhalt ächzen unter dem Rohölpreis, der von über 100 zeitweise auf unter 50 Dollar je Barrel rutschte. Und die Sanktionen der USA und der EU bremsen die Modernisierung der Industrie.

Die BRICS-Gruppe wurde lange vor allem durch Chinas Rohstoffhunger nach oben gezogen. Doch der hat für die Partner an Dynamik verloren. Weil China stärker auf eigene Ressourcen setzt und neue Quellen in Afrika und Asien anzapft. China steht zwar weiterhin auf der Siegerseite - der Anteil am Welt-BIP ist mit 18 Prozent mittlerweile größer als derjenige der Vereinigten Staaten - doch die Zeit der zweistelligen Wachstumsraten ist aufgrund der erreichten Entwicklungsstufe für China endgültig vorbei. Pekings Zugkraft für die befreundeten Volkswirtschaften hat nachgelassen.

Wie China hat auch Indien manche Hoffnung der Investmentbanker um Lord O’Neill erfüllt. Der Anteil am Welt-BIP verdoppelte sich laut der Agentur Bloomberg auf über sieben Prozent. Doch selbst dieses hohe Wachstumstempo reicht nicht aus, um die Not von Abermillionen Kleinstbauern zu lindern, der schnell wachsenden Zahl junger Menschen Arbeit zu verschaffen und die extreme Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern.

Pünktlich zum Gipfel gab die NDB am Montag zwei 300-Millionen-Dollar-Kredite bekannt. Südafrikas Energiewirtschaft soll damit den Ausstoß von Klimagasen reduzieren, die chinesische Stadt Luoyang eine neue Metro-Linie bauen. Doch längst dümpelt die Bank nur noch vor sich hin. Schon die Internetseite wirkt kraftlos. Viele Einträge sind überaltert. Gleichzeitig gab die NDB bekannt, dass sie nun insgesamt Kredite in Höhe von rund 5,7 Milliarden Dollar ausgegeben hat.

Doch das ist gerade halb so viel wie die deutsche Entwicklungsbank KfW allein im Jahr 2017 in aller Welt verteilt hat. Aktuell wird das BRICS-Bündnis von Chinas Mega-Initiative »Belt and Road« in den Schatten gestellt. Die Finanzkraft der Förderbanken, welche die »neue Seidenstraße« stützen, beziffert die Großbank HSBC auf 240 Milliarden Euro. Russland und Indien könnten davon profitieren. Brasilien und Südafrika drohen, ins Abseits zu geraten. Für sie hat der BRICS-Gipfel in Johannesburg daher einen wegweisenden Charakter.

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