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»Die Stämme des Ostens«

Nibelungen-Festspiele Worms: »Siegfrieds Erben« von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Blicke hinauf zu den nachtdunklen Ornamenten des Doms: Du spürst den kalten Hauch der Jahrhunderte: wie die Macht zu Stein gerann, im Stein erstarb - und wie die Ewigkeit herunterschaut. Und wie sie in uns allen nur Tote der Zukunft sieht. Schauder. Der sich plötzlich gespenstisch steigert: Videokunst bringt die Domfassade zum Beben, zum Zittern, sie verwandelt Fenster, Dachlinien und klare Raumstrukturen in ein vibrierendes Zerrbild. Und Beifall brandet auf, als die 3-D-Projektionstechnik schreiende Köpfe aus dem Stein »hervorbrechen« lässt. Am Werke ist der Architekt Albtraum, er ist der Reiseführer in diesem Burgund aus Feuer, Schlamm und Blut: »Die Hölle sprotzt prasselnde Brocken.«

Doch vorerst schirmte eine bühnenbreite weiße Wand den Blick auf den Dom ab. Hunnenkönig Etzel trägt sein totes Kind herein, Ortlieb, von Hagen zerschlitzt. Der König aus der Fremde, Witwer der Burgundin Kriemhild: zerschlagen von Trauer. Bis seine Worte mählich, aber entschieden kriegsreif werden. Auf nach Burgund! Vergeltung! Erbnahme: Her mit dem Nibelungenschatz! Jetzt fällt die weiße Wand knallend nach vorn, schiebt eine kräftige Windwelle ins Publikum. Frei vor uns liegt Burgund. Pfützen, zerfallende Treppen, unkrautige Natur, tropfende Bowlen. Was Ruhm war, ist Ruine. »Siegfrieds Erben« heißt das diesjährige Stück zu den Nibelungen-Festspielen in Worms, geschrieben von Zeridun Zaimoglu und Günter Senkel, inszeniert von Roger Vontobel, Bühne: Pale Steen Christensen, Kostüme: Nina von Mechow, Licht und Video: Ulrik Gad, Clemens Walter.

Die Nibelungen. Noch immer unser literarisches Grund-Buch, festgehalten darin diese Unfähigkeit zu einem rachelosen Geschichtsdenken. Dem Stoff kleben Ritterrüstungen an. Klirrende Schwerter, klappernde Schwere. Die Truppe aus Burgund: oft hervorkriechend wie aus Gräbern, Grüften, Unterwelten. Es gehört zum Menschen, dass ihn das Verruchte besonders sinnsüchtig macht. Ethos, Räson, Loyalität - das gebiert seit Urzeiten Methodik, wie am kräftigsten blind unterzugehen sei. Die Utopien der einen Epoche verursachen die Gemetzel der folgenden.

Seit sechzehn Jahren variieren die Festspiele den Stoff. Bearbeitungen, Übermalungen, Fortschreibungen. Diesmal nun zieht der Hunne Etzel nach Burgund - und trifft auf die verklapperte Sippe der Niederländer, die als Verwandte Siegfrieds ebenfalls Anspruch erheben. Zwischen beiden Invasoren wehrt und windet sich die einst von Siegfried per Tarnkappenhilfe geschwängerte Brunhild sowie deren Sohn Burkhardt - und Ute, die Mutter des Ex-Burgunderkönigs Gunther. Was folgt, ist Anschleichen, Anmachen, Anklagen, Anzünden. Das Rad der Geschichte: ein Hamsterrad der Vernichtungen.

Jedes Festspiel ist Sommerferienarbeitscamp für zugkräftige Schauspieler. In dieser Inszenierung ist es vor allem Jürgen Prochnow (»Das Boot«, »Der Seewolf«), der als Hunnenkönig sehr überzeugend Raum füllt. Ein staatsmännisch verpanzerter Handwerker der Säuberung - angefiebert von seiner Mission: »Die Stämme des Ostens führte ich in eure Länder. Ich bleiche die Nacht, ich verfinstere den Tag.« Hält Reden von der Empore, verflucht die Heuchelei der Christen, durchschreitet blickstier und -stur die Szene. Niemals leistet er sich eine enthemmte Körperlichkeit. Das Eindringliche, auch seiner klar rammenden Stimme, wurzelt im Spielraum der Fesselung, im kalkulierten Implodieren eines motorisch herrschenden Naturells - erst wilde graue Mähne, dann streng gezopft.

Prochnows Etzel ist der knochenharte Extremist. Terminator und Tempomacher des neuen Blutschwalls. Umgeben von Seelenwundzerriebenen, die im Flehen schmachten, in Furcht schwitzen oder im Rechtfertigungstrieb einen lächerlichen Trotz aufbieten. Der Abend offenbart: Jene dramaturgische Grobheit, die das Freilichttheater fordert, dieser Zwang zu körniger Spielweise, das muss kein Gegensatz zu eindringlichem Schauspiel sein. Ein vierzehnköpfiges Ensemble. Die meisten Gestalten sind durchzuckt von den Empfindungs- und Erinnerungsstößen einer tragischen Schuldexistenz und eines verirrten Begehrens. Ursula Strauß als Brunhild: Die einstige Walküre geistert wie eine Elendsphantasie durch die rauchenden Trümmer. Eine wütend polternde Betrogene, in Verwirtnis, als sei es Gretchen und Ophelia nicht gelungen, im Sterben erlöst zu werden. Ihr einstige Liebesnacht mit Siegfried: eine Vergewaltigung - die Schilderung jenes Übergriffs bekommt bei Strauß die Größe einer berührenden weiblichen Pein.

Felix Rech, der Schlaksige mit der stürmenden Bannkraft, ist Etzels Treuester, Dietrich von Bern. Rech musste zwei Tage vor der Premiere eine Blinddarmoperation durchstehen - er spielte trotzdem! Das Schwert als Fortsetzung eines sehnengespannten, scharf beobachtenden Körpers; nachwirkend, wie dieser Christ Dietrich heimlich betet; sein gehütetes Inneres nur ein Schattenwurf - und wie er immer wieder zurückfindet ins motorisch gnadenlose Dienen. Faszinierend sein Bericht von der Fleischvergiftung des Hunnen-Heeres, Menschenfleisch, aufgefressen vom Heer der Fliegen - wie Rech das ausspricht, ausmalt, auswirft, das ist ein Würgen am Wahn der Welt, deren Teil er ist.

Wolfgang Pregler spielt die Königsmutter Uta, eine leidensgespickte Karikatur auf jenes greise Queens-Quängeln, noch jenseits der geltenden Zeiten als lebendig zu gelten. Bruno Cathomas und Karin Pfammatter sind Siegfrieds Eltern - als seien Philemon und Baucis aus einem Mausoleum für Skurril-Personal entsprungen. Linn Reuße gibt Swanhild, Tochter Siegfrieds aus der Ehe mit Siegfried: Sie soll Etzel heiraten, aber der Liaison ihres niederländischen Königshauses mit den Hunnen wird sie sich verweigern. Und an dieser Verweigerung sterben. Ihr Abschied: ein Monolog, geschrien aus zerschnittener Kehle.

Zu erleben ist ein ständiges Surren der Antriebsnerven. Dann Schreie, das Lodern der Flammen - aus dem Boden und links und rechts auf den Videowänden. In Etzels Nähe eine lispelnde Schamanin wie die Hexen bei Macbeth. Zack, wieder ein knackendes Genick. Die Bühne pocht mit ihren Mikroports naturgemäß auf Lautstärke. Aber in Wust und Wühlen auch leise Töne. Der Schweizer Roger Vontobel beherrscht den hart jagenden Thriller, der sich beeindruckend mit dem Softstoff romantischer Tragödien mischt. Harter Holzschnitt und düsteres Aquarell. Nicht nur Worthall für die Breitwand, auch Text für den Tiefraum.

Schlemmen an langer Tafel. Dienstbotenkomik. Dreckklatschendes Niederstürzen. Am Ende eine rotfarbene Durchnässungsorgie. Alles so fern, alles so nah: Aufstieg abgrundwärts. Arbeit im Weltall der Ängste. Schau dich um in deiner eigenen Welt: Irgend ein Herz bricht immer, oder es verhärtet - und ist also nicht zu retten. Schau aufs politische Personal: Die Verderber schmieden Bündnisse, die stärker locken als jeder Frieden. Schau, wie sich alles entwickelt in unserer hochneurotisierten Kampfgesellschaft: Der fade, fiese Geist nimmt das allgemeine Bewusstsein reibungslos in seinen Dienst. Terror und Ethik sind Brüder.

Ein Christenkreuz wie ein Marterpfahl. Einer wird in einen Schacht geworfen, die Videobilder zeigen den glimmenden Schädel. Dämonische Schlieren scheinen um den Kopf dieser Inszenierung zu tanzen. Szenen vom Irrwitz eines verflucht ewigen Sieges - des Menschen über sein eigenes Vorwarnsystem. Vergangenheit als Zukunft: »Es kommen die Tage der großen Schmerzen.« Der Drachentöter sei vom Drachen nicht zu trennen, heißt es im Stück. Die Welt wird immer verletzlicher, es scheint Lindenblätter auf ihren Rücken zu regnen. Und Kehlkopfsänger Enkhjargal Dandarvaanchig legt fernöstliches Timbre übers Gattungsdrama.

Am Ende, wenn Etzel dieses endgültig tote Burgund verlässt, steht Burkhardt, Sohn Brunhilds, in der Bühnenmitte - steht dort wie der letzte Mensch, der sich nicht entscheiden kann: die »Titanic« besteigen, um deren Schicksal wissend, oder in Lars von Triers Film »Melancholia« eintretend, den erdverschlingenden Meteorit vor Augen. Max Mayer ist in dieser Inszenierung der Vernunftstörichte, der von Güte Zerquälte, der bibbernde Friedenshoffende - der nun Burgunds Krone trägt. Dies Requisit fest auf den Kopf drücken oder es wegwerfen? Braucht diese Welt Macher - oder Verhinderer? Wer weiß. Aus. Bravo!

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