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Sie sammelte Männer und Kunst

Notizen aus Venedig

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Vor mir liegen die Memoiren von Peggy Guggenheim, die zur kleinen Bibliothek meiner Wohnung gehört. Die befindet sich hoch in den Dächern eines Hauses im Ortsteil Castello auf halben Wege zwischen Markusplatz und Fondamente Nove an der Ponte san Severo und hat von der Agentur den malerischen Namen »Le Terrazze di Sofia« erhalten. Die Terrasse ist groß, man blickt bis zum Campanile. Mit dieser einstmals wohl prächtig zu nennenden Wohnung hat es seine Bewandtnis - und wegen dieser lese ich die Guggenheim-Memoiren.

Denn dies hier gehörte einmal Peegen Vail Guggenheim, der unglücklichen Tochter von Peggy Guggenheim, die sich 1967 in Paris das Leben nahm. Warum? Weil sie so sein wollte wie ihre Mutter, aber es nicht konnte. Das ist Peggy Guggenheims Version. Weil sie ihre Mutter hasste, aber nicht loskam von ihr, sagen andere. Peegen war Malerin, die Bilder der Vierzigjährigen sehen aus wie die einer Vierjährigen. Der Versuch, das als naive Glanzleistung zu feiern, fiel nicht unbedingt erfolgreich aus. Freunde Peggy Guggenheims nannten sie »ein Problem« und sagten auch, sie sei »merkwürdig leer« gewesen.

Nun also steht die Wohnung seit über einem halben Jahrhundert nicht gerade leer, aber sie hat, das sieht man sofort, lange keinen Dauerbewohner mehr gehabt, und wer heute die horrende Miete kassiert, darüber schweigt man.

Es wohnte hier jedenfalls mal eine passionierte Indien-Reisende, die alles voller buddhistischer Mitbringsel stopfte, so dass ich mir hier vorkomme wie in einem etwas vernachlässigten Heiligenschrein. Die Bilder mit den selig blickenden Gurus habe ich sofort eingesammelt und im Bücherregal übereinander gestapelt. Ihre Jüngerin kann mich dabei nicht mehr erwischen, sie ist vor einigen Jahren gestorben. An der Wand hängen Schilder in jeweils doppelter Ausführung: »Dream«, »Love«, »Home« - ich versuche, sie abzunehmen, aber sie hängen hartnäckig fest. Es gibt vieles an den Wänden, wo ich sofort wieder wegschaue.

Die Terrasse aber ist wie eine Aussichtsplattform, bestimmt dreißig Quadratmeter, und steht voller Blumenkübel. Da aber wohl niemand so recht die Absicht hat, sich ständig darum zu kümmern, hat man eine sukkulente Bepflanzung gewählt: Disteln und Kakteen aller Art, darunter prächtige Gewächse. Es sieht aus, als wäre man in Texas. Wenn ich da zu dicht vorbeigehe, bohren sich die Stacheln tief in die Haut und brechen ab. Meine wütenden Kriegsschreie sind in der Nachbarschaft bestimmt bereits negativ als Ruhestörung vermerkt worden. Meine erste dringliche Anschaffung hier galt einer Pinzette.

Zurück zu Peggy Guggenheim und ihren Memoiren, die der Verlag auf den Slogan brachte: »Sie sammelte Männer und Kunst. Die Männer gingen, die Kunst blieb.« Sie selbst äußert sich einmal sehr viel direkter: »In meinem Buch geht es vor allem ums Ficken.« Schön wär’s. Ein Buch im Stile von Claire Golls »Ich verzeihe keinem« über die Avantgarde zur Lektüre im Bett ließe ich mir gefallen, aber dies hier ist von durchdringend langweilender Harmlosigkeit und wird vom penetranten Willen vorangetrieben, irgendwie, und sei es mit dem Werk anderer, berühmt zu werden. Peggy Guggenheim, deren Vater 1912 beim Untergang der Titanic starb, gehörte zum »armen« Zweig der Familie. Für ihr Vermögen von »nur« einer halben Million Dollar wurde sie von den anderen Familienmitgliedern bemitleidet. So beschloss sie, allen zu zeigen, wie weit man mit diesem Kapital kommen kann. Bis nach Venedig.

Je begabter junge Maler scheinen, desto ärmer sind sie auch, das erkannte sie schnell als Grundregel des Kunstmarktes. Am Anfang, schreibt sie, habe sie wahllos alles gesammelt, was sie kriegen konnte, schließlich sei sie dann richtiggehend süchtig nach moderner Kunst geworden - und nach modernen Künstlern. Für manche war sie der letzte Rettungsanker vor dem Gerichtsvollzieher. Der geniale Max Ernst etwa mit seinen surrealen Landschaften verkaufte lange Zeit nichts - und Peggy Guggenheim konnte sich preiswert eine große Sammlung seiner Bilder zulegen. Irgendwie waren sie wohl auch eine Zeit lang verheiratet, aber Max Ernst ließ sie jederzeit spüren, dass ihn das nichts anging und sie nichts anderes für ihn war als jemand, der sich günstig bei seinen Bildern bediente.

Günstig gab es nach dem Zweiten Weltkrieg für Amerikaner auch Immobilien in Venedig, so kaufte sich die immer noch »arme Guggenheim« 1949 den Palazzo Venier dei Leoni. Den hatte 1748 Lorenzo Boschetti entworfen. Es war aber nur das Erdgeschoss errichtet worden: eine Mischung aus halbfertigem Palast und ambitioniertem Bungalow. Genau so etwas suchte sie für ihre gesammelten Bilder. Schnell waren diese dann, die sie meist für ein paar hundert Dollar pro Stück gekauft hatte, das Tausendfache wert.

Ich gehe an diesen bis heute amerikanischsten Ort in Venedig durch das von Claire Falkenstein entworfene Eingangstor von 1961. Da wuchern feine Eisenstäbe wie Äste und Zweige, farbige Glasstücke umschließend. Das Künstliche auf die Spitze zu treiben, heißt hier, es auf elementare Weise natürlich zu nehmen. Das Tor wirkt wie die Hecke im Märchen von Dornröschen. Nur wer zahlt, kommt durch.

Heute drängen sich im Guggenheim-Museum ganze Gruppen junger US-Amerikaner mit Skizzenblock und Bleistift. Warum die nicht ins Guggenheim-Museum in New York gehen, das Peggys Onkel Salomon baute und dessen Architektur Spötter gern mit einem Parkhaus vergleichen? Vielleicht liegt es an einigen tatsächlich herausragenden Exponaten in Venedig, etwa Fernand Légers visionäres »Menschen in der Stadt« von 1919 oder Jean Metzingens »Im Velodrom« von 1912. Marcel Duchamp zeigt einen »Akt« von 1911, der wie in einem Spektrum zerfällt, Wassily Kandinskys »Weißes Kreuz« verstärkt den Anspruch eines neuen Sehens, das nicht mehr getrennt vom Denken über dieses Sehen vorstellbar ist. Ein Laboratorium für neue Formen und Ausdrucksmedien, die vom Betrachter verlangen, Magie mit Reflexion zu verbinden, so in Giorgio de Chiricos »Der rote Turm«, Giacomettis »Stehender Frau« oder Constantin Brancusis Plastik »Vogel im Raum«.

Ach ja, Peggy Guggenheim, das Vögelchen, spekulierte, wenn sie mit Brancusi ins Bett ginge, könnte sie die Figur billiger bekommen. Wie sie danach feststellen musste, hatte sie falsch spekuliert. Die Figur wurde teurer.

Aber Charakter besaß sie durchaus. So wollte sie sich einmal ihre etwas lang geratene Nase operieren lassen, aber während der schmerzhaften Operation entschied sie sich anders, brach das Unternehmen ab und ließ die Nase Nase sein. Sie sah fortan aus, als hätte sie gerade einen Schwergewichtsboxkampf verloren. Das war ihr aber egal, inzwischen war sie reich und berühmt, viele junge ehrgeizige Maler, die etwas werden wollten, kamen nach Venedig. Manche von ihnen, so sie noch leben, könnten laut »Me too!« rufen.

Weder aus ihrer Egozentrik noch aus ihr Erotomanie hat Peggy Guggenheim je einen Hehl gemacht. Tritt man auf die Terrasse des Palazzo Venier dei Leoni steht man vor Marino Marinis »Der Stadtengel« von 1948, einem Objekt grenzenloser Lebensfreude. Ein nackter Reiter, der alle Glieder in die Höhe reckt - besonders das eine. Die amerikanischen Schüler umstehen ihn und skizzieren mit Akribie. Von dem Bronzepenis des Reiters heißt es, er ließe sich abschrauben (ich habe es nicht getestet). Peggy Guggenheims Geschäftssinn wusste aber wohl, wann es günstiger ist, den Reiter mit und wann ihn ohne erhobenen Zepter zu zeigen.

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