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Heiße Luft in Tüten

Die Sitcom »Tanken« auf ZDFneo

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das Fernsehen hat schon so einige Megatrends erlebt, seit es ins neue Jahrtausend gegangen ist. Scripted Reality zum Beispiel, den Castingshow-Boom von Start-up-Gründung bis Tanz, die Second Screen genannte Parallelnutzung mehrerer Bildschirme, dazu horizontal verwobene Serien und darin ganz besonders: Hauptfiguren, die es früher nicht mal auf die Nebenrollenplätze todgeweihter Antagonisten strahlender Helden geschafft hätten. Wenn demnach bereits kriminelle Chemielehrer, neurotische Mafiosi oder lesbische Knastinsassinnen vorn auf der Besetzungsliste standen - warum dann nicht auch die durchgeknallte Belegschaft einer abgelegenen Tankstelle?

Das hat sich zumindest ZDFneo gedacht. Denn nach den ewig bekifften Plattenbau-Chaoten »Blockbustaz« oder Dennis Moschitto als liebenswerter Kleinganove in »Im Knast« macht der Nischenkanal für Jugendliche ab Mitte 50 nun drei seltsame Vögel zu Stars einer Sitcom, die an den Zapfsäulen in großstädtischer Randlage spielt. »Tanken« heißt der Zwölfteiler, und schon sein Untertitel »Mehr als Super« verweist darauf, dass es hier knapp sechs Stunden lang ganz sicher nicht nur um die richtige Oktanzahl beim Benzinkauf geht. Gleich zu Beginn wird der kontrollsüchtige Filialleiter Georg (Stefan Haschke) in die Nachtschicht versetzt und intrigiert von dort aus gegen seine Amtsnachfolgerin Jana (Christina Petersen), um wieder am Tage arbeiten zu dürfen.

Dummerweise stehen ihm dabei diverse Stolperfallen im Wege - allen voran Georgs außergewöhnliche Inkompetenz, die seinen Einsatzort mithilfe furioser Selbstüberschätzung ins Chaos stürzt. Und daran können nicht mal zwei völlig ambitionslose, aber bauernschlaue Aushilfskräfte etwas ändern. Im Gegenteil. Der verhinderte Rockstar Olaf (Daniel Zillmann) und der abgebrochene Medizinstudent Daniel (Ludwig Trepte) mögen ihrem Chef zwar geistig wie fachlich hoch überlegen sein, in wechselseitiger Misserfolgsverstärkung jedoch stürzt dieses Triumvirat gebrochener Zivilisationsversprechen den gemeinsamen Arbeitsplatz Folge für Folge mehr ins Chaos. Vermeintliche Islamisten spielen dabei ebenso tragende Rollen wie demente Senioren oder zwielichtige Nonnen.

Wie in ähnlich leicht gestrickten Low-Budget-Produktionen von »Das Institut« (BR) über »Jennifer« (NDR) bis »Just Push Abuba« (ZDF) lautet die komödiantische Grundkonstellation demnach auch hier: Minimale Selbstreflexion plus maximales Scheitern gleich mittlere Fallhöhe für passablen Fernsehspaß nach Feierabend. Dummerweise ignoriert das Regieteam Marc Schlegel, Martina Plura und Joseph Orr ein wichtiges Gebot, das zum Beispiel die Hipster-Satire »Nix Festes« auf gleichem Sendeplatz zuletzt so charmant gemacht hat: Mach deine Figuren nicht verächtlich. »Tanken« jedoch kreiert nach dem Drehbuch von Gernot Gricksch und Julia Drache nichts als Knallchargen, die der ulkige Tambourmajor Georg im kanariengelben Polyesterhemd Sekunde für Sekunde mehr der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Pointen gehen dabei konsequent zulasten gesellschaftlicher Randlagen von Alzheimer über Fettleibigkeit bis Sehbehinderung. Subkulturen wie Olafs Metal-Band werden kostümiert, als träten sie beim ZDF-Fernsehgarten auf. Und wenn eine Muslima mit Kopftuch im Wahnsinn abendländischen Überlegenheitsgefühls zum Leuchtturm der Vernunft stilisiert wird, mag das als Kommentar auf den Rassismus rechtspopulistischer Rollenzuweisung gemeint sein, am Ende ist es nur respektlos und debil. Doch das Irre daran: Es könnte sogar funktionieren. Humoristische Instantsuppen dieser Würzmischung haben ja exakt jene Löslichkeit, die das Internet liebt. Zotiger Witz jenseits der analogen Sittlichkeitsgrenzen früherer Tage sorgt dort beharrlich für Klicks, Likes und gute Laune.

Weil »Tanken« längst online abrufbar ist und eventuell übers öffentlich-rechtliche Digitalangebot funk Verbreitung findet, wird es seinen Weg in die Köpfe des bedingungslos hedonistischen Teils der Netzgemeinde finden. Erstaunlich ist da nur, dass seriöse Schauspieler wie der vielfach preisgekrönte Ludwig Trepte dafür ihr Gesicht hergeben. Das Anspruchsvollste an »Tanken« ist eine Plastiktüte, die immer dann sichtbar im Wind herumflattert, wenn der Kontrollverlust sämtlicher Protagonisten seinen Höhepunkt erreicht - angetrieben von der heißen Luft eines Sommers, den man ohnehin lieber draußen verbringt als vorm Fernseher.

Ab 31. Juli auf ZDFneo

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