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Sozialexperiment mit Buschkowksy

Die RTL-Sendung »Zahltag« ist vor allem eines: voyeuristisch und zynisch

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Was macht eigentlich Heinz Buschkowsky?, fragte SPD-Nachwuchsstar Kevin Kühnert vor kurzem auf Twitter und beantwortete seine Frage gleich selbst: Der ehemalige Bürgermeister von Neukölln ist freier Trauredner. Doch Buschkowsky, Parteifreund von Kühnert, macht derzeit auch noch etwas, was man nicht als sein Privatvergnügen entschuldigen kann: Er tritt in der RTL-Sendung »Zahltag« als »Sozialexperte« auf und »berät« Familien, die gerade noch Hartz IV bezogen haben, was sie mit dem »Koffer voller Chancen« machen sollten, den ihnen der Sender geschenkt hat. Zwei von drei Folgen sind bereits erschienen, die dritte wird am Dienstag ausgestrahlt - quasi als Geburtstagsgeschenk für Heinz Buschkowsky.

Die Idee basiert auf dem britischen Format »Great British Benefits Handout«. Das Konzept sieht so aus: Drei Familien bekommen von RTL einen Koffer mit Bargeld in der Höhe ihrer kompletten Jahresbezüge staatlicher Leistungen - also zwischen 25 000 und 30 000 Euro. »Ein Koffer, der das Leben verändern kann«, so kündigte RTL die zweite Folge der Sendung zynisch an. Drei sogenannte Experten begleiten die drei Familien ein Jahr lang bei dem »Sozialexperiment«. Neben Buschkowsky sind das Ilka Bessin, die als »Cindy von Marzahn« bekannt wurde, sowie Felix Thönnessen, der unter anderem als Gründungsberater regelmäßig auf einem anderen Privatsender zu sehen ist. Die Experten besuchen ab und zu die Familien, ansonsten sitzen sie an einem Tisch und kommentieren die Bilder, die auch die Zuschauer sehen. Im Grunde guckt das Publikum vor dem Fernseher also drei Menschen dabei zu, wie sie drei Familien beobachten.

Buschkowsky hat seinen ersten großen Auftritt in der zweiten Folge. Er besucht die Berliner Teilnehmer Yves Kempe und Christiane Weber in Pankow, die seit zwei Jahren von Transferleistungen leben. Kempe ist Kommunikationspsychologe, Weber Erzieherin. Sie haben zwei kleine Kinder, eines davon ist noch ein Baby.

Erzieherinnen, das weiß jeder, werden in Berlin händeringend gesucht. »Sie könnte auch arbeiten gehen, und er passt auf die Kinder auf«, schlägt daher Bessin an ihrem runden Tisch vor, Buschkowsky sagt: »Bisher war das so gewollt, dass beide zu Hause sind.« Dass das Baby möglicherweise noch gestillt werden könnte, das ist kein Thema. Mehrmals hingegen wird darauf hingewiesen, dass dies eine besondere Situation sei, weil es ja ganz ungewöhnlich sei, dass Akademiker Hartz IV bezögen.

Buschkowsky nimmt sich die Familie vor. »Die Jobsituation in den Berliner Kitas kennt der ehemalige Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky bestens. Er weiß, was gesucht wird, und warum Yves trotz Studium bisher nicht Fuß fassen konnte«, sagt eine Stimme aus dem Off, während der ehemalige SPD-Politiker sich auf den Weg macht. Denn: »Er hat Arbeitslos studiert«, behauptet Buschkowsky, Kommunikationspsychologen würden nicht gesucht. Belege dafür bleiben aus. Prompt schlägt er Kempe vor, eine Umschulung zum Erzieher zu machen. Der will das zunächst mit seiner Frau besprechen - was Ilka Bessin höchst seltsam findet.

Was die Zuschauer von Hartz IV zu halten haben, gibt ihnen bereits der Trailer für die Sendung mit auf den Weg: Großaufnahme eines Jugendlichen. Er weint. »Ich schäme mich so«, sagt er. Großaufnahme einer Frau mit strähnigen Haaren und roten Flecken auf den Wangen. Sie weint. Die Kinder sollen es nicht mitbekommen, sagt sie. Hartz IV - das ist etwas, wofür man sich zu schämen hat und was man am besten verbirgt, auch vor der eigenen Familie.

Wir befinden uns hier mitten in der Unterschicht, suggeriert der Trailer. Und auf die gleiche Weise geht es in der ersten Folge los: Während jeder Mensch, der im Fernsehen gezeigt wird, in der Regel zuerst in der Maske geschminkt oder zumindest gepudert wird, will RTL uns hier weismachen, das wahre Leben zu zeigen: Die Kandidaten tragen bequeme Freizeitkleidung, die Haare sind fettig, die Gesichter vor Aufregung rot. Die Kamera ist dabei, wenn sich das Paar René Looks/Andrea Metz aus Herrnhuth in Sachsen streitet, Looks sich im Auto verkriecht und Metz seine Liebe schwört. Die Experten mischen sich nicht nur ins Berufliche ein, sondern auch ins Privatleben. Sie kritisieren, dass Metz den Schwur ihres Partners nicht erwidert, ohne Einsicht, dass von Privatsphäre bei laufender Kamera nicht die Rede sein kann. Aber Emotionen sind vermutlich gut für die Quote.

Looks und Metz wollen ein Geschäft mit gebrauchter Kinderkleidung eröffnen - vielleicht nicht die schlechteste Idee, aber das Startkapital ist mit rund 25 000 Euro dafür doch etwas gering. Schließlich muss die Familie ein ganzes Jahr davon leben - und Hartz IV ist nicht dafür bekannt, besonders üppig bemessen zu sein. Während die Experten die Familie aber noch darin bestärken, ein so großes Wagnis einzugehen, kritisieren sie sie für angeblich unsinnige Ausgaben wie eine neue Couch.

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