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Verschwundene Milliarden

Experten rätseln, wo Russland seine Erträge aus den Verkäufen von US-Staatsanleihen geparkt hat

Der Kreml wird nicht müde zu beteuern, die westlichen, vor allem US-amerikanischen Sanktionen könnten Russland nicht ernsthaft schaden. Dem scheint aber nicht ganz so zu sein. Russische Finanzbehörden haben binnen eines Jahres ihre Kapitalanlagen in US-amerikanischen Wertpapieren deutlich reduziert. Gefährdet waren vor allem Mittel aus staatlichen Reservefonds.

Diese Fonds wurden zwar angesichts des sinkenden Ölpreises in den vergangenen Jahren stark gebeutelt, doch blieb immer noch eine Menge übrig. Der Rest wird heute auf mindestens 100 Milliarden Dollar (85 Milliarden Euro) geschätzt. Es ist eine Menge Geld, das es neu anzulegen galt. Das unbemerkt hinzukriegen, wäre ein richtiges Kunststück. Wohin diese beachtliche Summe geflossen ist, darüber bewahren das Moskauer Finanzministerium und die Zentralbank hartnäckig Stillschweigen.

Das Rätselraten über den Verbleib der Staatsgelder ist in vollem Gange. Der Erlös aus dem Verkauf der US-Wertpapiere lässt sich nicht unbemerkt in Rubel wechseln und transferieren oder im Sparschwein parken. Am besten lassen sich die Gelder vor dem Zugriff des Westens immer noch im Westen selbst verstecken, sagen Finanzexperten. Es gebe auch Hinweise darauf, dass sie größtenteils auf Konten bei westlichen Banken - inklusive der US-amerikanischen Banken - deponiert wurden, heißt es. Angst haben sollte nicht Russland, sondern die westlichen Länder und vor allem die USA. Denn was würde aus der US-Wirtschaft, wenn China dem russischen Beispiel folgte und anfangen würde, seine US-Staatsanleihen zu verkaufen? Medienangaben zufolge hat Peking darin derzeit 1,1 bis 1,2 Billionen US-Dollar investiert.

Für Russland selbst ist diese Frage allerdings zweitrangig. Dort möchte man wissen, wohin die Staatsreserve gerettet wurde und wie sicher diese ist. Im Frühjahr 2018 hatte der Vorsitzende des Ausschusses der Staatsduma für Finanzmärkte, Anatoli Aksakow, erklärt, Russland wäre am liebsten die US-Staatsanleihen längst losgeworden. Der Staat kaufe jedes Jahr immer mehr Gold an. Vermutlich ist das aber nicht mehr als Wunschdenken. Zum 1. Juli entfielen nur 17 Prozent der internationalen Reserven Russlands auf Gold. Das war nur unwesentlich mehr als Ende 2017.

»Ich glaube, dass Russland den Erlös aus dem Verkauf von amerikanischen Staatsanleihen auf Konten im Ausland in Dollar liegen ließ«, sagt der Direktor der Expertengruppe Veta, Dmitri Scharski. Es sehe zwar unlogisch aus, aber man könne nicht alles auf einmal mitnehmen und darüber frei verfügen. Es sei durchaus sinnvoll, Geld statt in US-Staatsanleihen auf Bankkonten anzulegen, meint der Analytiker der Gesellschaft Finam, Sergej Drosdow. Die Konten seien vergleichbar sicher, wie die souveränen Ratings der USA. Wer vom »plötzlichen Verschwinden« der russischen Reserven spreche, sollte auch nicht vergessen, dass der Ausstieg aus den US-Staatsanleihen nicht nur durch den Verkauf der Wertpapiere erfolgt sein könne. Es gebe auch andere, kompliziertere Finanzinstrumente, so der Experte.

Es gibt aber auch andere Stimmen: »Ich bezweifle, dass jene Mittel auf Konten bei US-Banken deponiert werden konnten, wenn es eine politische Entscheidung war«, sagt die Analytikerin Anastasia Sosnowa von Freedom Finance. »Da die Situation um die Sanktionen sehr wackelig ist, wäre es von russischer Seite sehr unvorsichtig, das erlöste Geld bei amerikanischen Banken anzulegen«, erklärt die Expertin.

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