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Wegweisende Wochen

Nach dem WM-Vorrundenaus der Fußballer sollten die Frauen den DFB retten, doch sie könnten die Krise verschärfen

  • Von Frank Hellmann, Frankfurt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nadine Keßler gab sich wirklich allergrößte Mühe, ihrer Doppelrolle gerecht zu werden. Eigentlich war die frühere Weltfußballerin, die wegen eines Knieschadens viel zu früh ihre Karriere beenden musste, im schweizerischen Biel auf den Rasen gekommen, um nach dem Finale der U19-Europameisterschaft der Frauen - Spanien bezwang Deutschland am Montagabend mit 1:0 - die Medaillen zu überreichen. Aber damit konnte es die 30-Jährige unmöglich bewenden lassen: weil zu ihr Spielerinnen in schneeweißen Trikots schlichen, deren Gesichtsausdruck ein Hilfeschrei nach Aufmunterung war.

Tapfer versuchte sich die hauptberuflich angestellte UEFA-Beraterin als Trostspenderin: Sydney Lohmann (Bayern München), Meret Wittje (VfL Wolfsburg) oder Nicole Anyomi (SGS Essen) nahm sie entweder in den Arm, gab einen Klaps auf die Schulter oder flüsterte etwas ins Ohr.

Stina Johannes (USV Jena) streifte sich indes die Silbermedaille sofort wieder vom Hals, als sei sie nicht mal dieser würdig. Die 18-jährige Torhüterin wusste, wie gut ihr Team mit dem von Maria Llompart direkt verwandelten Freistoß (80.) noch bedient gewesen war. Allein viermal retteten für sie Latte oder Pfosten. »Wir haben das Finale völlig verdient verloren«, räumte auch Nationaltrainerin Maren Meinert ein. »Wir haben nie zu unserem Spiel gefunden.«

Für die zwar mit einigen Nachwuchstiteln dekorierte, aber nicht nach höheren Ambitionen strebende Fußballlehrerin bietet sich immerhin die Chance zur schnellen Reparatur. Meinert verantwortet parallel auch das U20-Nationalteam, deren WM am kommenden Wochenende in Frankreich beginnt. Die 44-Jährige musste zwischen Ernstfall da und Vorbereitung dort eine Art Jobhopping betreiben. Mitten während der U19-EM sah sie beispielsweise einen 5:1-Testspielsieg der U20 gegen die Niederlande. Zuvor war ein Vier-Nationen-Turnier mit Niederlagen gegen Frankreich und die USA so ernüchternd verlaufen, dass Verbandsboss Reinhard Grindel konstatierte, Leistungen und Ergebnisse seien unter den Erwartungen geblieben, »ich bin aber optimistisch, dass Maren Meiert und das Trainerteam an den richtigen Stellschrauben gedreht haben.«

Vieles mag dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zuletzt verborgen bleiben, aber er bekommt mit, dass auch der deutsche Frauenfußball seine Vormachtstellung verspielt. Das A-Team blamierte sich bei der EM 2017 in den Niederlande bekanntlich dermaßen, dass Bundestrainerin Steffi Jones mit etwas Verzögerung den Job verlor. Bei der U19 liegt der letzte EM-Titel nun sieben Jahre zurück. Und auch das U17-EM-Finale gewannen die taktisch und technisch den Maßstab setzenden spanischen Mädchen gegen den deutschen Unterbau.

Die U20-WM, bei der Deutschland in der Vorrunde auf Nigeria, China und Haiti trifft, gilt als wichtigster Wegweiser für die Nachwuchsarbeit. In die Bretagne reist der zweifache Weltmeister (2010 und 2014) als Wundertüte. »Wir haben einen sehr guten Jahrgang«, behauptet Tanja Pawollek vom 1. FFC Frankfurt, der mit vier Spielerinnen die größte Fraktion stellt. Der VfL Wolfsburg ist dagegen gar nicht im Kader vertreten: Seine Toptalente rekrutiert der Doublesieger längst vorwiegend im Ausland.

Für den deutschen Frauenfußball sind es wegweisende Wochen: Auf das Finale der U20-WM am 24. August folgt das entscheidende WM-Qualifikationsspiel der A-Nationalmannschaft in Island am 1. September. Dann ist der zweifache Weltmeister zum Siegen verdammt, will er nicht die WM 2019 ebenfalls in Frankreich verpassen. Und mittlerweile würde es ja die Sinnkrise des deutschen Fußballs komplett machen, wenn auch die weiblichen Erfolgsgaranten so tief stürzen wie nie zuvor in der Verbandsgeschichte.

Richtig günstig liegt der Termin nicht. Auch wegen der Nachwuchsturniere startet die Bundesliga erst Mitte September, was bedeutet, dass Interimstrainer Horst Hrubesch und seine Assistentin Britta Carlson das wichtigste Spiel des Jahres als Kaltstart angehen müssen. Schon bei einem Remis käme auf die DFB-Auswahl wohl ein Qualifikationsturnier mit den vier besten Gruppenzweiten zu, von denen nur einer noch ein Ticket für die Endrunde lösen darf.

Der DFB musste vorsorglich die Austragungsorte für seine Heimspiele im Herbst benennen und entschied sich für Essen und Osnabrück. Niemand will dort wirklich Nervenspiele erleben. Die künftige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg - derzeit noch an die Schweiz gebunden - wird schon genau wissen, warum sie partout erst nach Ende des gesamten Qualifikationsprozesses anfängt.

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