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Leipzig und die Diplomatie von unten

Initiative für gute Nachbarschaft mit Russland macht Schule

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Gras wächst, aber es wächst langsam. Bald ist es zwei Jahre her, dass sich in Leipzig eine Bürgerinitiative »Gute Nachbarschaft mit Russland« gegründet hat - als eine, wie es hieß, »Graswurzelbewegung«, die für eine differenziertere Sicht auf den Nachbarn im Osten wirbt. Seither hofften die Leipziger Aktivisten, dass ihr Beispiel anderswo Schule macht. Jetzt kommt frohe Kunde ausgerechnet aus dem tiefen Westen: Mitte Juli hat sich in Aachen (Nordrhein-Westfalen) eine Initiative gleichen Namens gegründet. Verwiesen wurde dabei ausdrücklich auf das Beispiel in Leipzig. Das, sagt Johannes Schroth, »hat uns gefreut«.

Schroth ist Architekt und hat einst auch im sowjetischen Gorki gebaut. Er gehört zu den Mitgründern der Initiative in Leipzig, die es leid ist, dass in der bundesdeutschen Öffentlichkeit und deren »Leitmedien« ein einseitiges Bild Russlands »als Feind und möglicher Aggressor« gepflegt werde. So stand es in der Gründungserklärung der Initiative, in der auch der frühere SPD-Fraktionschef und Leipziger Uni-Rektor Cornelius Weiss aktiv ist. Er verlebte seine Jugend und Studienzeit in der Sowjetunion und erklärte angesichts wachsender Spannungen zwischen dem Westen und Russland einmal, er beobachte »mit großer Nervosität«, wie der »Gestank des Krieges« zurückkehre.

Ähnlich sieht man das in Aachen. Viele derjenigen, die dort drei Tage vor dem Putin-Trump-Gipfel im Juli die Nachbarschaftsinitiative gründeten, sind seit Jahren in der Friedensbewegung aktiv und beobachten mit Sorge, wie die weit gen Osten erweiterte NATO an der Aufstockung ihrer Militärausgaben arbeitet. Eine »beispiellose Aufrüstung« nennt das Andrej Hunko, Bundestagsabgeordneter der LINKEN und Mitgründer in Aachen. Gerechtfertigt werde der Ausbau der Militärarsenale durch das stetig geschürte »Feindbild Russland«, sagte Ansgar Klein von der »Würseler Initiative für den Frieden«. Die neue Bewegung, so hofft er, könne eine »Gegenströmung« entstehen lassen, indem sie »Diplomatie von unten« betreibe.

Freilich: Es sind dicke Bretter, die dabei zu bohren sind. Das hat die Initiative in Leipzig erfahren. Zwar gibt es bei den Veranstaltungen, die monatlich in einem Café stattfinden, guten Zuspruch und rege Diskussionen. Allerdings müssen viele von denen, die dahin kommen, nicht mehr überzeugt werden. Ein Stand in der Fußgängerzone - zwischen Straßenmusikern und Zeugen Jehovas - war dagegen eine weniger ermutigende Erfahrung. Die handlichen Broschüren einer eigens entworfenen Reihe »Reden und Texte für Frieden und Fortschritt«, in denen etwa Beiträge der Schriftstellerin Daniela Dahn und des Ex-SPD-Chefs Matthias Platzeck erschienen, ließen sich nur wenige Passanten in die Hand drücken. »Das war nicht das, was wir uns erwartet hatten«, räumt Schroth ein.

Dennoch will sich die Initiative weiter bemühen, das Gras wachsen zu lassen. Gemeinsam mit anderen wirbt man für eine Partnerschaft mit einer Stadt in Russland; bisher hat Leipzig nur eine mit der ukrainischen Hauptstadt Kiew. 2019 soll zudem ein Buch publiziert werden, das persönliche Berichte über Erlebnisse mit Russen mit literarischen und historischen Texten verbindet - Arbeitstitel: »Russenmagazin«. Es solle, so Schroth, ein Buch sein, das »Sympathien weckt«. Die Aachener Initiative hat derweil einen offenen Brief an die Mitglieder von Bundesregierung und Bundestag geschickt. Er mahnt zu »Besonnenheit und Dialog«. Man dürfe Russland »nicht aus Europa hinausdrängen«. Das wäre »unhistorisch, unvernünftig und gefährlich für den Frieden«.

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