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Eine Gedenkstätte im Ehrenamt

Im Mansfelder Land erinnert ein Verein an ein lange Zeit vergessenes Konzentrationslager

  • Von Hendrik Lasch, Wansleben
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Salzzapfen hängen wie ein Vorhang vom Gewölbe aus Ziegelsteinen herab. Manche sind so lang, dass Besucher in dem früheren Luftschutzbunker die Köpfe einziehen müssen, um keinen abzubrechen. Seit die Anlage mit Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt und der Zutritt verwehrt wurde, wuchsen sie ungestört. »Über 70 Jahre«, sagt Rolf-Dieter Werner, »ist hier nichts passiert.«

Was für den Bunker gilt, trifft auch auf die Anlage zu, deren Teil er war: den früheren Kalischacht in Wansleben, der 1926 stillgelegt worden war, im März 1944 jedoch reaktiviert wurde. Das NS-Regime ging damals dazu über, die Rüstungsproduktion wegen zunehmender alliierter Luftangriffe in Teilen unter Tage zu verlegen. Auch in Wansleben wurden in vorhandenen Kavernen der Kaligrube sowie in neu geschaffenen Produktionshallen Flugzeugmotoren und Teile für V 2-Raketen hergestellt - von Häftlingen aus dem KZ Buchenwald. Allerdings: Dass das Dorf im heutigen Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt) auf die Karte der Repressionsorte des NS-Regimes gehört, war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Zumindest 60 Jahre lang war, um Rolf-Dieter Werner leicht abgewandelt zu zitieren, in der Angelegenheit »nichts passiert«.

Erst seit 2007 engagiert sich ein Verein für den Aufbau einer Gedenkstätte. Seine Gründung verdankt er gewissermaßen der Jagdleidenschaft des Bauunternehmers Andreas Tautrim. Dieser hatte ein Revier am Rand des einst für den Kalibergbau trockengelegten Salzigen Sees gepachtet und später eine Halle und ein Grundstück am früheren Ufer erworben. An dessen Rand lag eine Halde - unter der sich der Luftschutzbunker des früheren KZ-Außenlagers befand. Ein Anwohner erzählte ihm, was es mit diesem auf sich hatte - und mit Ruinen auf dem Nachbargrundstück, die Teil des zum KZ umfunktionierten Bergwerks waren, aber abgerissen werden sollten; die Bagger standen schon bereit. Tautrim handelte entschlossen: Er intervenierte beim damaligen CDU-Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer und stoppte so den Abriss.

In den gut zehn Jahren seither ist in den geretteten Gebäuden eine bemerkenswerte Gedenkstätte entstanden - die einzige ihrer Art im Mansfeld. Der größte Teil der Exposition ist im ehemaligen Maschinenhaus zu sehen. Eine Tafel schildert den Alltag der mindestens 2024 Häftlinge, die in den heißen und stickigen Hallen jeweils zwölf Stunden lang an den Maschinen arbeiten oder neue Kavernen in das Salz treiben mussten; eine andere informiert über den Lagerkommandanten Hermann Helbig, der vor seiner Versetzung nach Wansleben im KZ Buchenwald für Exekutionen zuständig war und über 250 Häftlinge erhängte. Es gibt ein Modell der Anlagen in Wansleben und eine Tafel, die französische Überlebende 1978 an die Gemeinde übergaben, die damit aber zunächst nichts anzufangen wusste; sie landete beim Heimatverein und fand keinen geeigneten Platz.

Jetzt hängt sie in der Maschinenhalle, die, wie Rolf-Dieter Werner erzählt, vor zehn Jahren praktisch abrissreif gewesen sei. Heute sind die Mauern saniert, das Dach erneuert, und selbst ein Zierfries auf dem Putz wurde wieder angebracht. Die Kosten beziffert Werner, der im Verein für Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, auf rund eine halbe Million Euro - ein enormer Betrag für einen Verein, der zwölf Mitglieder hat und ehrenamtlich arbeitet.

Dennoch hat die kleine Truppe die Investition gestemmt, ebenso wie die Sanierung des benachbarten Gebäudes, einst der Unterbau des Förderturms. Dort gibt es heute einen Raum, in dem Vorträge, Lesungen und Konzerte stattfinden können. Die Gelder, sagt Werner, wurden bei öffentlichen Stellen wie dem Landkreis Mansfeld-Südharz eingeworben, bei Stiftungen und der Lotto GmbH des Landes, oder sie wurden aus Fördertöpfen der EU beantragt. Eine feste, institutionelle Förderung gibt es nicht. Ein Mitarbeiter, der heute an fünf Nachmittagen Führungen anbietet, wird vom Jobcenter bezahlt - aber nur bis November.

Die Arbeit allerdings lohnt sich; die Gedenkstätte wird gut angenommen, sagt Werner. Ein Höhepunkt war eine Veranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung, bei der Bürgermeister der umliegenden Orte Bäume aus den Heimatländern der früheren Häftlinge pflanzten, darunter eine französische Schwarzkiefer und eine russische Birke. Am 9. November gab es ein Konzert mit Musikern aus Halle, bei dem der Saal übervoll war; weitere sollen folgen - vielleicht mit Musik aus den Ländern der einstigen Gefangenen. Doch auch jetzt und an gewöhnlichen Wochentagen gibt es regelmäßig Besucher; ein neues Hinweisschild an der Straße und eine dort vorüberführende Umleitung tragen dazu bei. Die häufigste Reaktion, sagt Werner, sei Erstaunen - selbst bei Bewohnern nahe gelegener Orte, sagt Werner. »Viele wussten bisher nicht, was sich vor 74 Jahren in ihrer Nachbarschaft zugetragen hat.«

Der Verein sieht sich durch solche Reaktionen bestätigt und nimmt weitere Projekte in Angriff. Bald soll es einen Parkplatz für die Besucher geben und Wegweiser an der Bundesstraße 80. Und vielleicht gelingt es Werner auch, das nötige Geld für die Übersetzung und den Druck der Erinnerungen des französischen Häftlings Lucien Gonin aufzutreiben. »Recits du Kdo. Wilhelmine«, heißt es - »ein starkes, sehr gut geschriebenes Buch«, sagt Werner. Damit es auch deutschsprachige Leser finden kann, braucht es eine fünfstellige Summe.

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