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Spuk um einen Meteoriten

Mike Wilson: »Rockabilly« ist eine literarische Hommage an die Welt der US-amerikanischen Vorstädte

Auch wenn die lateinamerikanische Literatur hierzulande sehr erfolgreich ist, gibt es doch noch unzählige bisher unbekannte Autoren, die es zu entdecken gilt. So den 1974 geborenen Argentinier Mike Wilson. Der hat zwar einen sehr US-amerikanisch klingenden Namen und ist in der Tat in Missouri geboren, hat aber den größten Teil seines Lebens in Südamerika verbracht und schreibt auf Spanisch. Derzeit lehrt er an der Universität in Santiago de Chile. Unter anderem beschäftigt sich der bärtige Hipster, der meist mit Strickmütze posiert, dort mit dem Werk Wittgensteins.

Sein vierter Roman »Rockabilly« ist jetzt auf Deutsch erschienen und ist ein absolut lesenswertes Buch. Mike Wilson gehört zu jener Kategorie junger lateinamerikanischer Autoren, die nicht dem hierzulande gängigen Klischee entsprechen, denn seine Romane sind keine dicken Schmöker mit sozialkritischen Familienepen. Vielmehr besticht die minimalistische, popkulturelle Prosa dadurch, dass Mike Wilson in seinen bizarren Geschichten wunderbar auf den Punkt kommt. So auch in dem gerade mal knapp hundert Seiten langen Roman »Rockabilly«, einer literarischen Hommage an die Welt der US-amerikanische Suburbs.

»Rockabilly« ist aufgebaut wie ein Kammerspiel. Eine Nacht lang kreisen vier Figuren in der piefigen amerikanischen Vorstadthölle umeinander, beobachten sich, stellen einander nach und werden irgendwann - wie könnte es auch anders sein - gewalttätig. In den Garten des Titel gebenden »Rockabilly« schlägt ein kleiner Meteorit ein, den der Schrottsammler versucht auszugraben, um ihn gewinnbringend zu verkaufen. Am Fenster gegenüber sitzt eine fünfzehnjährige Nachbarin namens Suicide-Girl mit ihrem Gecko auf dem Schoß und beobachtet ihn interessiert beim Graben. Währenddessen dreht Babyface, ein alter verwirrter Mann, der aufgrund einer seltenen Krankheit ein Kindergesicht hat, seine Runden durch die Nachbarschaft.

Und dann gibt es noch den gut gelaunt bellenden Hund Bones, der seit dem Meteoriteneinschlag rational denken und sprachlich reflektieren kann, was um ihn herum geschieht. Auch wenn diese Prototypen amerikanischer Popkultur im ersten Moment viel zu klischeehaft wirken und die ganze Anordnung recht künstlich daherkommt, dreht Mike Wilson im Lauf dieser ziemlich flott erzählten Novelle ziemlich auf.

»Rockabilly« entwickelt eine ungemeine Dynamik. Das hasserfüllte Verhältnis der Fünfzehnjährigen zu ihrer alkoholisiert vor dem Fernseher dahindämmernden Mutter gehört ebenso dazu wie das sexuelle Begehren des alten Mannes, der dem Mädchen nachstellt und es schließlich zu Walmart zum Zigarettenkaufen begleitet. Suicide-Girl wiederum ist scharf auf den Schrottsammler, der im nächtlichen Mondschein, angetrieben von einer seltsamen Macht, das außerirdische Artefakt ausgräbt. Die Tätowierung auf seiner Schulter, ein Fetisch-Pin-Up-Girl entwickelt derweil ein munteres Eigenleben und scheint Einfluss auf das langsam immer mehr eskalierende Verhalten der Vorstadtbewohner zu entwickeln.

Mike Wilson gelingt es, auf knapp hundert Seiten in diesem literarisch ungemein dichten Text ein ganzes soziales und kulturelles Universum zu erschaffen. Seine Figuren bewegen sich zwischen Walmarteinkäufen, sexuellen Obsessionen, frönen ihrem familiärem Hass und versuchen, die gesellschaftlichen Normierungen subversiv zu unterlaufen. Die Vorstadtidylle wird zur Bühne einer brutalen Auseinandersetzung, geprägt von Ignoranz und Begehren. Bis irgendwann die Sonne wieder aufgeht und der Spuk ein Ende hat.

Mike Wilson: Rockabilly. Roman. Aus dem Spanischen von Mário Gomes. Diaphanes, 96 S., br., 15 €.

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