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In Berlin gibt es Gegenden, die werden es niemals auf das Titel-Cover eines Stadtmagazins schaffen, dazu so eine Überschrift wie: »Schöneweide - das bessere Neukölln« oder »Treptow - der neue In-Bezirk«. Eigentlich ist dieser Gedanke für veränderungssensible Geister sehr beruhigend, bestärkt er doch das Gefühl, dass die Coolness-Grenze eine festgezurrte Demarkationslinie ist und mit den destabilisierenden Entwicklungen in anderen Gegenden der Stadt in absehbarer Zukunft nicht zu rechnen ist. Pustekuchen, jetzt-noch-uncooles-Berlin aufgepasst, so läuft das längst nicht mehr. Wir alle wissen, was dem Prenzlauer Berg widerfahren ist.

Possierlich ist, zu beobachten, wie sich die Menschen verhalten, denen die Coolnessgrenze unaufhaltsam weiter auf den Pelz rückt. Für Karlshorst gibt es beispielsweise so was wie einen virtuellen Friseursalon, da tauschen sich die Leute im Internet über alles aus, was sich in der Gegend tut. Ab und an werden vermisste Hauskatzen gesucht, Dachgepäckträger verliehen oder Schienenersatzverkehrmeldungen kommentiert. Gerade aber sind Plakate, die eine unbekannte Künslter*innengruppe des nächtens in Bahnhofsnähe geklebt hat, Thema Nummer eins. Darauf ist zu lesen: »Katzenfutter statt Katerfrühstück?« oder »Rasen sprengen, statt Grenzen?«, darunter der Zusatz: »Du schnarchst, Karlshorst« wahlweise »Aufstehen, Karlshorst!«. Während viele das für recht gelungenes Guerilla-Marketing halten (und sich am liebsten eins der Dinger der alten WG-Zeiten wegen in die Küche hängen würden), ist ein anderer Teil in seiner Karlshorstigkeit hart getroffen. Immerhin sei das doch der Grund, warum man überhaupt hier hergezogen sei, eben weil es so schön schnarchig ist. Einer hat vorgeschlagen, den Namen in Schnarchhorst zu ändern.

Solche Plakate sind auch schwer zu verkraften, treffen sie doch genau die sensiblen Punkte der Karlshorster Seele. Bisher musste man damit leben, dass die Post erst um 9 Uhr morgens öffnet und um 17.30 Uhr schließt. Inzwischen ist entschieden worden, die Filiale ganz zu schließen, was für Arbeiter*innen mit unflexiblen Bürozeiten keinen Unterschied macht. Ebenso verletzend sind die Plakate für Menschen, die bisher gut damit leben konnten, dass es keinen einzigen Späti gibt und das außergewöhnlichste Restaurant ein Armenier ist, der im Sommer gerne die Treskowallee mit seinen Grillwürsten komplett einnebelt.

Aber das ist ja das süße an Karlshorst, hier kann der Widerspenstigen Zähmung noch in Echtzeit beobachtet werden, während in Prenzlauer Berg und Neukölln keiner mehr die Energie hat, sich über Crafbeer-Läden und Apfelmus-Pop-up-Stores aufzuregen, die die An- und Verkauf-Trödelshops wegmobben. Dabei ist die immer gleiche Entwicklung, hat sie erst einmal begonnen, nicht aufzuhalten. Momentaner Karlshorst-Aufreger sind Jugendliche, die die Sommerferien dazu nutzen, stockbesoffen durch die Wohngegend zu ziehen und mit bombastischen Speakern Gangster-Rap auf die umliegenden Schlafzimmer verteilen, deren Fenster bei den Temperaturen überall geöffnet sind. Da bleibt nur: Aufwachen, Karlshorst!

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