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  • Housing First-Modell in Berlin

Wohnen steht an erster Stelle

Berlin will ab Oktober mit dem »Housing First«-Modell Obdachlose von der Straße holen

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

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In Berliner Obdachlosenunterkünften erzählen viele Männer die gleiche Geschichte - den Klassiker: Job weg, Wohnung weg, Frau weg. Zu viel getrunken, was auf der Arbeit nicht akzeptiert wurde, arbeitslos, erst recht getrunken, Depressionen, Beziehung geht in die Brüche. Natürlich sind die Details jeweils andere, und es gibt auch ganz andere Geschichten. Sie gleichen sich aber in einem: Leben die Menschen erst einmal auf Platte, kommen sie oft nicht mehr zurück in ein geregeltes Leben.

Ein Berliner Modellprojekt will das jetzt ändern. »Housing First« heißt der Ansatz, der bereits in den 90er Jahren in den USA entwickelt wurde und sich anschließend auch zaghaft in Europa verbreitete. Im Oktober wollen die Berliner Stadtmission und die Hilfsorganisation Neue Chance das Projekt auch in Berlin starten. Zunächst drei Jahre lang wird es von den Senatsverwaltungen für Integration, Arbeit und Soziales sowie für Gesundheit finanziert. Ziel ist es, 40 Wohnungen anzumieten.

»Die eigene Wohnung ist das Allerwichtigste«, sagt Martin Helmchen, Geschäftsführer von Neue Chance, dem »nd«. Wer sich nicht jeden Tag aufs Neue um einen Schlafplatz für die Nacht kümmern muss, kann sich stattdessen um sich selbst kümmern: gesund werden, Beziehungen pflegen, vielleicht von Alkohol- oder Drogensucht wegkommen und möglicherweise sogar eine Arbeit aufnehmen. Im »Housing First Guide Europe« heißt es: »Housing First sieht Wohnen eher als einen Ausgangspunkt und nicht als das Endziel.« Das bedeutet: Obdachlose erhalten eine Wohnung, ohne dass daran Bedingungen geknüpft sind. Hilfe gibt es natürlich auch. Aber: »Das Wohnen ist nicht an die Unterstützung gekoppelt«, erklärt Helmchen. Wenn sich ein Teilnehmer des Programms mal zwei Wochen lang nicht meldet, dann darf er trotzdem in der Wohnung bleiben. »In der klassischen Wohnungslosenhilfe ist das nicht unbedingt so.«

Wer teilnehmen möchte, muss sich auf einen Platz »bewerben«, sagt Helmchen. Gemeint ist damit eine kurze Vorstellung im Büro. Ganz bedingungslos ist die Teilnahme am Programm allerdings doch nicht: »Wir prüfen, wer auch tatsächlich alleine zurechtkommen kann.« Wer beispielsweise schwer drogenabhängig sei, beschaffungskriminell, schwer psychisch erkrankt und massiv verwahrlost, komme eher nicht in Frage. Doch diese Menschen erfahren vermutlich gar nicht erst von der Existenz des Programms oder schaffen es nicht, im Büro vorzusprechen. Eine gewisse Eigenständigkeit muss vorhanden sein.

Zwar helfen die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen bei der Wohnungssuche, der potenzielle Bewohner muss den Vertrag mit dem Vermieter aber selbst abschließen. Die Miete übernimmt dann der Verein.

Auch solche Obdachlose sind von dem Programm ausgeschlossen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen in Deutschland haben. Das ist ein Großteil der Osteuropäer, die auf Berlins Straßen leben. Erst, wenn sie hier eine gewisse Zeit lang einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgegangen sind, könnten sie die Unterstützung in Anspruch nehmen - es gelten die Bedingungen wie für den Bezug von Hartz IV.

Doch bei 40 Plätzen wird Neue Chance kaum ein Problem haben, geeignete Kandidaten zu finden. Bis zu 6000 Obdachlose soll es in Berlin geben. Wie die von dem Programm erfahren? »Wir sind gut vernetzt«, sagt Helmchen. Noch sind Berliner Stadtmission und Neue Chance allerdings auf der Suche nach Mitarbeitern für das Projekt. Im Oktober sollen sie den Job antreten, und dann geht die Arbeit auch erst los.

Schwierig wird es aus Sicht von Helmchen vor allem, Wohnungen zu finden und Vermieter davon zu überzeugen, sich an dem Programm zu beteiligen. Sie seien zwar schon mit vielen Vermietern im Gespräch. Aber dass der Wohnraum immer knapper wird, ist auch ein Problem für soziale Projekte. Immer häufiger müssen soziale Wohnprojekte weichen, weil Hausbesitzer eine höhere Rendite erzielen wollen. »Es gibt ja auch kaum noch Leerstand«, sagt Helmchen. Als das Programm in New York gestartet sei, habe es in Manhattan noch viele leere Wohnungen gegeben.

»Pathways to Housing« - Wege zum Wohnen - hieß das Projekt aus den frühen 90er Jahren in New York, das sich zunächst an Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen wandte, die auf der Straße lebten. In den USA wurden mit der Zeit immer mehr Nutzergruppen mit eingeschlossen: Menschen, die über lange Zeit in Obdachlosenheimen lebten, dann auch Menschen, die nach Krankenhausaufenthalten von Wohnungslosigkeit betroffen waren. Heute können zum Teil auch Familien davon profitieren.

In Europa wird das Modell mittlerweile unter anderem in Österreich, Frankreich, Schweden, Großbritannien angewendet. Studien zeigen, dass durch Housing First viele Menschen aus der Obdachlosigkeit geholt werden können. Viele Städte und Gemeinden übernahmen das Modell auch aus Kostengründen: Allein die Unterbringung von Menschen in Notunterkünften ist meist teurer als die Anmietung regulärer Wohnungen.

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