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Gestrandet in Niger

Viele Migranten bleiben auf ihrem Weg nach Europa in dem Staat mitten in der Sahara hängen

  • Von Odile Jolys, Niamey
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Republik Niger in Westafrika ist nicht nur für Flüchtlinge ein wichtiges Transitland, sondern auch für Migranten auf der Suche nach einem würdigen Leben. Männer und Frauen durchqueren das arme Land traditionell Richtung Norden. Doch: »Ihre Zahl ist drastisch zurückgegangen«, sagt Giuseppe Loprete, der das Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in der Hauptstadt Niamey leitet. Dringender seien heute die Hilfen für die Rückkehrer Richtung Süden.

Auf Wunsch Europas stellt Niger seit 2015 den Transport von Migranten nach Norden unter Strafe. »Die Route nach Libyen ist fast geschlossen, dafür wird der Weg nach Algerien häufiger benutzt«, sagt Loprete. Für die IOM geht es darum, Leben zu retten. Die Mitarbeiter klären über die Gefahren auf, die beim Durchqueren der Sahara und bei der Fahrt über das Mittelmeer lauern.

Der Guineer Ousmane, der wie fast alle Migranten seinen Nachnamen nicht genannt wissen möchte, ist Mitte 20. Vor einem Monat hat er seine Stadt Conakry verlassen, ist mit dem Bus über Mali und Burkina Faso angereist. Sein Vater sei bei einer Familienfehde ermordet worden, seine Mutter nach Italien geflohen, sagt er. Seine Hoffnung ist Frankreich, die Fremdenlegion. Ja, er kenne die Gefahren, aber es gebe eine sichere Route, sagt der große, stämmige Mann fast beschwörend, wobei ihm Tränen in die Augen treten.

Während immer noch Migranten hoffen, nach Europa zu gelangen, stranden andere auf der Heimreise Richtung Süden in Niger. Rund 8000 freiwillige Rückkehrer aus Libyen hat die IOM seit Januar begleitet. Weit mehr haben die beschwerliche Reise nach Niger auf eigene Faust angetreten.

Viele Menschen kommen auch aus Algerien, das Migranten seit September 2017 strikt ausweist, obwohl einige wenige sogar einen Flüchtlingsausweis haben. Mehr als 10 000 Algerien-Rückkehrern hat die IOM bisher geholfen. Manche waren in der Wüste ausgesetzt worden, von wo sie 20 Kilometer bis zum ersten Dorf im Niger zu Fuß gehen mussten.

Jeanne-Marie ist eine kleine Frau, um die 30, aus Kamerun. In Algerien lernte sie, ihren Körper zu verhüllen, um keine Blicke auf sich zu ziehen. Fünf Jahre sei sie dort gewesen, habe als Friseurin gearbeitet. Doch dann war plötzlich Schluss: »Die Polizei kam.« Kleinkriminelle hätten der Polizei gesteckt, wo Schwarze wie sie wohnten. »Sie haben die Türen eingetreten, alle Wertsachen nach draußen geschafft und uns auf Lkws verladen«, schildert die Kamerunerin. »Wir durften nicht einmal packen.«

Chantal aus dem Tschad arbeitete als Köchin in der algerischen Stadt Oran und gab die Idee auf, über das Mittelmeer nach Europa zu fahren. »Ich habe eine fünfjährige Tochter, ich wollte ihr Leben nicht riskieren.« Jetzt sitzt Chantal seit drei Wochen mittellos in Niamey. Die algerische Polizei hat ihr das Handy weggenommen, mit der Telefonnummer ihrer Mutter. Sie würde sie gerne anrufen, damit sie ihr Geld schickt. Chantal zögert, die IOM um Hilfe zu bitten. Ihr Mann ist aus Liberia, das er während des Bürgerkriegs 2003 verließ. Eine Rückreise mithilfe der IOM würde die Trennung von ihrem Mann bedeuten, befürchtet Chantal. Sie müsste in den Tschad, er nach Liberia.

»Jede Rückkehr, die wir organisieren, ist ein individuelles Schicksal«, betätigt Loprete. 60 Prozent der Migranten hätten keine Reisepapiere. »Wir arbeiten mit den Botschaften und den Behörden des Niger zusammen. Es ist mühsam, unsere Aufnahmezentren sind voll.« Es komme zu Streitigkeiten mit Einheimischen. Und fast alle Migranten seien traumatisiert, als Folge körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt. Loprete: »Es dauert, bis sie soweit sind, über ihre Rückkehr nachdenken zu können. Dann rufen sie ihre Familien an.«

»Der Schlüssel zur Rückkehr ist die Starthilfe, die jeder von der IOM begleitete Rückkehrer bekommt«, sagte Loprete. Es müsste viel mehr Projekte in deren Heimatländern geben. Aber langfristig sollte Europa auch mehr legale Wege für Zuwanderung schaffen. Loprete: »Das ist die einzige Lösung.«

Der Kameruner Hervé ist ohne einen Cent in der Tasche im Niger gestrandet. Die algerische Polizei hatte ihn an der Grenze ausgesetzt, sein Hab und Gut musste er in Algerien zurücklassen. In Niger wurden ihm auch noch seine Schuhe gestohlen. Jetzt ist er mit zu kleinen rosafarbenen Flip-Flops unterwegs. Vor drei Jahren verließ er Kamerun, weil er trotz einem Bachelor in Privatrecht und Weiterbildung arbeitslos wurde und keine neue Stelle fand.

»Ich war im Hafen von Douala beschäftigt. Ich habe die Waren verzollt. Aber mein Arbeitsbereich wurde digitalisiert«, sagt er. »Ich habe meinen Job verloren.« Hervé will zurück nach Kamerun, um sich zu erholen, und dann erneut Richtung Europa aufbrechen. Dieses Mal will er mit Papieren reisen, echten oder gefälschten. epd/nd

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