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Alles und nichts

Wim Wenders’ Romantikthriller »Grenzenlos« ist logischerweise eine schwermütig-tiefsinnige Filmerzählung

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Es geht, der Originaltitel (»Submergence«) verrät es, ums Abtauchen. Mit der deutschen Übersetzung wird zugleich an das »ozeanische Gefühl« erinnert, das von Romain Rolland als Kern der religiösen Stimmung ausgemacht und von Sigmund Freud mit Liebe und Tod in Beziehung gebracht wurde. Das grenzenlose Wasser in dieser Beziehung zu zeigen, wäre Kunstziel genug gewesen. Doch Wim Wenders, leider, wollte mehr.

Der Spion James (James McAvoy) und die Ozeanforscherin Danny (Alicia Vikander) verlieben sich am Strand der Normandie auf ebenso komplizierte wie entzückende Weise ineinander. Bald danach soll James in Nordafrika eine terroristische Zelle aufspüren und Danny irgendwo im Atlantik den Meeresgrund erforschen. Er gerät in Gefangenhaft, sie leidet, weil sie ihn nicht erreichen kann. Der lange Rest des Films handelt davon, dass die beiden sich nicht begegnen.

Die Erzählung ist nicht linear. Als Exposition sehen wir Danny und James an getrennten Orten sich aneinander erinnernd. Dann zeigt eine lange Rückblende die erste Begegnung der beiden. Dieser Aufbau macht Effekt. Im szenischen Wechsel erfährt man Stück für Stück vom je anderen. Als die beiden sich dann begegnen, ist die Stimmung bereits vollständig etabliert und der Zuschauer für das Paar eingenommen, noch ehe er es zum ersten Mal zusammen gesehen hat. Dieser Teil, in dem man beide zusammen agieren sieht, ist der stärkste des Films.

Das liegt zum einen in der besonderen Gestalt dieser werdenden Liebe; sie ist sinnlich, zärtlich, intellektuell und immer wieder kompetitiv. Das Gefühl wächst mit, aber es bleibt im Hintergrund. Die Dialoge (in denen wirklich etwas gesagt wird) nehmen sich aus wie ein Mix aus Schach und Verständigung.

Zum andern prallen in diesem Teil klar erkennbare Ideen aufeinander. Danny folgt dem Primat der Theorie, James ist gesellschaftlich orientiert. Sie redet über den ewigen Ozean und meidet dabei die Worte »I« oder »me«. James wieder sieht durch alles, was sie sagt, hindurch, auf die dahinterstehenden Motive: »Erzähl mir vom Ozean, dann lerne ich was über dich.« Seine Tarnung noch reproduziert das, indem er als Ingenieur für Wasserbau auftritt, also im Gegensatz zu Danny das Wasser kultiviert, statt es zu erforschen. Dass er die Frage nach seiner liebsten Gewässerform (»water body«) mit »human body« beantwortet, scheint über die schlagfertige Antwort hinaus Nämliches anzudeuten.

Indessen kann der Film in seiner zweiten Hälfte die dramatische Spannung und gedankliche Höhe nicht halten. Es fehlt nicht nur die Interaktion der Hauptfiguren, die aufgrund ihrer räumlichen Trennung nicht mehr verschränkt sind, sondern auch die leitende Idee, sodass Wenders hier fast ausschließlich noch die Bilder arbeiten lässt. Handwerklich gewiefte Momente - eine Parallelmontage etwa eines Röntgenbilds und einer Steinigung, die dem Zuschauer regelrecht unter die Hirnhaut geht - schaffen allenfalls Linderung.

Das Abtauchen bleibt bloß Metapher und wird nicht Idee. Den ganzen Film hindurch erscheint das Motiv: als Liebe, in der man sich verliert, als Tod, der einen hinabreißt, als Einsamkeit nach der Trennung, als Reinigung, Gefangenschaft, Taufe, Rettung oder eben als Erforschung des Meeresgrunds. All das bleibt bloß assoziativ, und der Sinn kommt allein aus den Worten. Es wird angespielt, nicht ausgespielt. »Submergence« bedeutet hier irgendwie alles, also bedeutet es gar nichts. Die Metapher des Grenzenlosen wird zur grenzenlosen Metapher. Was bleibt, ist ein exzellent gespieltes, kunstvoll inszeniertes, schwermütig-tiefsinniges Stück Filmerzählung ohne jede Richtung.

»Grenzenlos«, Deutschland, Frankreich, Spanien, USA 2017. Regie: Wim Wenders; Drehbuch: Erin Dignam; Darsteller: James McAvoy, Alicia Vikander, Alexander Siddig. 112 Minuten, bereits seit 2. August in den Kinos.

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