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BHT-Koks, SERO und die erste künstliche Bandscheibe

Mehr als 130 000 Patente wurden bis 1989/90 im Osten gezählt - ein neues Buch widmet sich dem Thema »Erfindungen aus der DDR«

»Erfindungen aus der DDR« heißt ein gerade erschienenes Buch, das sich mit Innovationen des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates beschäftigt. Es nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine interessante Zeitreise, in der es um Dederon genauso geht wie um das Sammelsystem für Sekundärrohstoffe SERO und den Dresdner Wissenschaftler Manfred von Ardenne.

Das Buch stellt 20 der innovativsten Erfindungen vor, mehr als 130 000 Patente wurden zum Ende der DDR gezählt. Bekannt bis heute ist Malimo aus dem sächsischen Limbach-Oberfrohna. Die Nähwirktechnik unter diesem Namen revolutionierte die Stoffherstellung, weil sie ein völlig neues Verfahren bot: Das Vernähen von quer übereinander gelegten Fäden zu einem robusten Textil. Weltniveau. Die Technologie wurde in rund 40 Länder verkauft. Erfunden wurde das Wunderding Malimo von Heinrich Mauersberger aus dem heutigen Landkreis Zwickau. Und es wird bis heute genutzt.

In einer Gesellschaft, in der Marktwirtschaft nicht gewollt war, aber dennoch Höchstleistungen vollbracht werden sollten galt das Neuererwesen als eine mögliche Lösung. Es war von der Idee her gut gedacht, allerdings erbrachte es in der Praxis nicht immer durchschlagende Erfolge. Zwar war nach statistischen Angaben zuletzt (1988) ein Drittel der Beschäftigten an Neuererprogrammen beteiligt, dennoch betrug der wissenschaftliche Nutzen der Neuerungen weniger als ein Prozent.

Gewürdigt wird in dem Buch auch der BHT-Koks. Im sächsischen Freiberg meldete Erich Rammler 1952 ein Verfahren an, mit dem Koks aus Braunkohle - der Braunkohlenhochtemperaturkoks - gewonnen wurde. Das war wichtig, weil die zur Koksherstellung traditionell verwendete Steinkohle zum Großteil im Westen Deutschlands lagerte.

Auch das Fernerkundungsgerät MKF 6M aus Jena galt seinerzeit als Weltklasse. In 400 Kilometern Höhe konnte 1978 Sigmund Jähn, der erste Deutsche im Weltall, mit der Multispektralkamera Aufnahmen machen, die detaillierte Erkenntnisse zur Erdoberfläche in bis dahin ungekannter Qualität lieferten.

Manfred von Ardenne, Forscherpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, betrieb im Dresdener Villenstadtteil Weißer Hirsch ein privat geführtes Forschungsinstitut. Seine dort entwickelte Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie gegen verschiedene Krankheiten ist zwar bis heute umstritten. Sein Institut war für die DDR jedoch essenziell wichtig.

Jedes Kind in der DDR kannte die SERO-Annahmestellen, wo man für Glas, Papier und Flaschen ein paar Mark bekam. Recycling gab es zwar schon vor SERO beziehungsweise der DDR - die Erfindung ist in diesem Fall das System, das engmaschige Netz in der Umsetzung. Natürlich hatte der staatlich verordnete Sammlerfleiß seine Ursache auch im stets präsenten Mangel zu DDR-Zeiten. Not macht eben erfinderisch.

Nach 1990 allerdings wurde das funktionierende SERO-System nicht auf ganz Deutschland ausgedehnt, die westdeutschen Müllunternehmen zerstörten es vielmehr, um selbst Geld mit der Abfalltrennung zu verdienen.

Auch die Leipziger Kirow-Werker wurden aus der Not heraus erfinderisch. Sie schufen einen Kran, der Kurven fuhr und somit straßentransportfähig und flexibel einsetzbar war. Chefkonstrukteur Horst Bendix: »Unsere Leute hatten wenig Geld, wenig Material, und da musste der Kran mehr können.«

Wer weiß schon noch, dass ein DDR-Bürger den Biathlon-Sport revolutionierte? Der DDR-Biathlet und Skilehrer Siegfried Liebold erfand eine Zielscheibe, die automatisch wegklappt, wenn sie vom Geschoss getroffen wird. Vorher schoss man auf Papierscheiben, die bei Treffern stets ausgewechselt werden mussten. Erst in diesem Jahr starb Liebold mit 99 Jahren auf Teneriffa.

Neben den originären Leistungen machten Substitute und Surrogate einen auffälligen Teil der Erfindungen aus, also der Versuch, einem Mangel durch ein gleich- oder minderwertiges Ersatzprodukt zu begegnen. So ersetzte Duroplast Feinbleche beim Fahrzeugbau, Stichwort Trabant. Eine zweite Gruppe waren Imitat-Erfindungen, mit denen bezweckt wurde, attraktive Produkte, insbesondere solche aus dem Westen, nachzuahmen. Darunter fällt beispielsweise Dederon, das Nylon beziehungsweise Perlon imitierte.

Das Buch ist witzig und detailreich geschrieben, verzichtet auf Fachchinesisch und hat teilweise reportagehafte Passagen, immer mit dem Blick für das Besondere der jeweiligen Innovation. Illustriert ist es mit aussagefähigen Farb- und Schwarzweiß-Bildern. Die Entwicklung der jeweiligen Patente wird anschaulich erklärt, im Mittelpunkt sind immer auch die Menschen, die dahinter standen, und ihre Geschichte.

Beim Lesen staunt man öfter: Wer weiß schon, dass die DDR-Olympiasiegerin am Stufenbarren Karin Janz später als Ärztin gemeinsam mit ihrem Kollegen Kurt Schellnack 1982 bis 1984 an der Berliner Charité die weltweit erste künstliche Bandscheibe entwickelte? Das Patent wurde später für 325 Millionen Euro an eine amerikanische Firma verkauft. Davon sahen die Erfinder nichts.

Mandy Ganske-Zapf, Dennis Grabowsky, Robert Kalimullin: Erfindungen aus der DDR, Verlag Bild und Heimat, 1. Auflage 2018, 160 Seiten, ISBN-13: 978-3959581394, 14,99 Euro

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