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»Viele sehnen sich nach der Pille, die alle Klimaprobleme auf einen Schlag löst«

ARD-Meteorologe Sven Plöger über den Anstieg des Meeresspiegels, Klimawandel und Klimawandel-Skeptiker

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Herr Plöger, Sie haben mit Brot für die Welt die Fidschi-Inseln und Tuvalu besucht. Was haben Sie in der Südsee gesehen und gehört?

Wir haben viele Häuser gesehen, die bei Starkregen oder Sturmfluten regelmäßig überflutet werden oder sogar dauerhaft unter Wasser stehen. Wir haben mit Müttern und Vätern gesprochen, die sich große Sorgen machen, dass schon bald ganze Atolle verschwinden könnten und ihre Kinder nicht mehr auf Tuvalu leben können. Der Anstieg des Meeresspiegels ist dort kein abstraktes wissenschaftliches Phänomen, sondern mit bloßem Auge festzustellen.

Sind die Bewohner Tuvalus sich der Gefahren des Klimawandels bewusst?

Ja, anscheinend wissen alle Menschen - unabhängig von Alter und Bildungsstand -, dass es den Klimawandel gibt. Sie wissen auch, dass es wichtig ist, ihn einzudämmen und Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen. Deshalb bauen sie an ihren Küsten Schutzwälle und sichern neugewonnenes Land mit riesigen Sandsäcken.

Und was macht die Regierung?

Wir hatten die Gelegenheit, ausführlich mit dem Premierminister von Tuvalu zu sprechen. Enele Sosene Sopoaga unternimmt alles in seiner Macht Stehende, um den Klimawandel zu begrenzen und Tuvalu an die Folgen anzupassen. Zugleich hat er uns aber auch klar gemacht, wie schwer dies für so ein kleines Land ist. Sopoaga hat uns berichtet, dass er Donald Trump einen Brief geschrieben hat. Darin stand: »Wir sitzen alle in einem Kanu. Wenn wir die globale Herausforderung Klimawandel nicht gemeinsam angehen, werden wir alle gemeinsam untergehen.« Trump hat darauf nie geantwortet.

Der pazifische Inselstaat Kiribati hat Land auf den Fidschi-Inseln gekauft, um seine Bevölkerung umsiedeln zu können, sollte der Anstieg des Meeresspiegels Kiribati eines Tages unbewohnbar machen. Ist so eine Umsiedlung auch eine Lösung für Tuvalu?

Der Premierminister hat uns gesagt, dass die Umsiedlung für ihn und seine Bevölkerung die absolut letzte Option sei. Das verstehe ich gut. Denn mit der Umsiedlung bestünde die Gefahr, dass nicht nur ein Staat untergeht, sondern mit ihm auch eine ganz eigene Kultur und Identität. Zudem befürchtet die Regierung, dass die Menschen aus Tuvalu bei einer Umsiedlung zu Bürgern zweiter Klasse werden könnten.

Ihre lange Anreise mit dem Flugzeug hat hohe Emissionen verursacht. Warum sind Sie dennoch geflogen?

Das stimmt. Und ich habe deshalb tatsächlich lange überlegt, ob ich die Reise antreten soll. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, weil ich die bereits sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels mit eigenen Augen sehen wollte. Ich erreiche jedes Jahr mit einer Vielzahl von Vorträgen zu diesem Thema rund 15.000 Menschen und unter ihnen sind auch viele Politiker, Multiplikatoren und Entscheider. Auf diese Weise hoffe ich zu erreichen, dass sich zumindest einige für den Klimaschutz engagieren. Aber um Empathie für die Menschen zu schaffen, die schon jetzt unter dem Klimawandel leiden, muss ich dieses abstrakte und komplizierte Phänomen greifbar machen.

Was entgegnen Sie Leuten, die den Klimawandel bestreiten?

Klimawandel-Leugner gibt es heute zum Glück immer weniger. Aber es gibt Leute, die bestreiten, dass der Mensch einen Einfluss auf das Klima hat. Es ist zwar richtig, dass der Klimawandel nicht nur menschengemacht ist. Aber rund 97 Prozent der Klima-Wissenschaftler sind sich einig, dass wir einen großen Anteil - nämlich 50 bis 75 Prozent - am derzeit zu beobachtenden Anstieg der Temperaturen haben. Wer jedoch felsenfest davon überzeugt ist, dass Mensch und Klimawandel nichts miteinander zu tun haben, ist kaum zu erreichen und seien die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch so überzeugend.

Was sind denn das für Leute?

Mir fallen vor allem zwei Gruppen auf. Zum einen jene, die ein wirtschaftliches Interesse haben. Man kann sich ja gut vorstellen, dass jemand, der beispielsweise durch Geschäfte mit fossiler Energie Milliardär geworden ist, nicht unbedingt der Erste ist, der für eine Energiewende hin zu den Erneuerbaren kämpft. Und dann gibt es noch jene, die wahrscheinlich wirklich daran glauben, dass der Mensch nichts mit dem Klimawandel zu tun hat. Die Zuschriften, die ich erhalte, geben mir den Eindruck, dass dies vor allem Männer über 65 Jahre sind, die das Gefühl haben, dass Wissenschaft, Politik und Medien sie bevormunden wollen. Insgesamt nimmt die Zahl der Klimawandel-Skeptiker aber ab. Allerdings wird diese kleine Minderheit immer lauter.

Einer der lautesten Klimawandel-Skeptiker ist Donald Trump. Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn treffen könnten?

Ich glaube, man kann Herrn Trump nicht viel sagen. Deswegen würde ich den Spieß umdrehen und ihn fragen, warum er glaubt, dass der Mensch keinen Einfluss auf den Klimawandel hat. Dann würde ich seine Argumente aufgreifen und wissenschaftlich widerlegen. Aber ehrlich gesagt, mache ich mir keine allzu großen Hoffnungen, ihn überzeugen zu können.

Können die Ziele des Klimaabkommens von Paris denn ohne die Amerikaner erreicht werden?

Das wäre schon mit den Amerikanern schwer. Und wenn der zweitgrößte Emittent aus der Vereinbarung aussteigt, ist das ein sehr negatives Signal. Auf der anderen Seite stimmt es mich durchaus hoffnungsvoll, dass bislang kein anderer Staat den Amerikanern gefolgt ist. Zudem haben viele US-Bundesstaaten, allen voran Kalifornien, sich dazu verpflichtet, ihre Klimaschutz-Bemühungen fortzusetzen oder sogar zu intensivieren. Hinzu kommt: Trump wird nicht ewig der Präsident sein.

Betreibt die Wissenschaft in Sachen Klimawandel Panikmache?

Nein! Aber als die Klimawissenschaft sich ab Beginn der achtziger Jahre verstärkt an die Öffentlichkeit wandte, gab es in den Medien durchaus Panikmache. Das lag allerdings nicht nur an den Medien, sondern auch an der Wissenschaft. Die Klimaforscher taten sich zunächst schwer, ihre Erkenntnisse zu vermitteln. Die Befunde medial zu übersteigern, war und ist am Ende völlig überflüssig - sie sind auch so ernst genug.

Ist es möglich, den Klimawandel mit technischen Eingriffen wie dem sogenannten Geo-Engineering, zu begegnen?

Der menschlichen Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Es gab schon Überlegungen, Sonnenstrahlen mit riesigen Spiegeln im Weltall umzuleiten, um die Aufheizung der Atmosphäre zu verhindern. Solche Überlegungen sind vielleicht gut für einen Sciene-Fiction-Roman, aber sie sind nicht geeignet, um ernsthaft Klimaschutz zu betreiben. Denn solche Maßnahmen sind unbezahlbar. Abgesehen davon, wären ihre negativen Nebenwirkungen weder abzuschätzen noch zu kontrollieren. Aber viele Menschen sehnen sich dennoch nach der ganz großen Pille, die alle unsere Klimaprobleme auf einen Schlag löst. Doch dieses Allheilmittel gibt es nicht. Es ist für uns Menschen eine Ehre, dass wir auf unserem Planeten leben dürfen. Daraus erwächst aber die Verantwortung, unsere Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig vernünftige Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen.

Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war es im April und Mai in Deutschland noch nie so warm wie in diesem Jahr. Ist das noch Wetter oder ist das schon Klimawandel?

Das ist zunächst einmal Wetter. Aber es gibt einen eindeutigen Trend, der auf den Klimawandel hindeutet. Derzeit jagt ein Wärmerekord den nächsten. Global lagen die zwölf wärmsten Jahre zwischen 1880 und 2017 alle im 21. Jahrhundert. Und 2014 bis 2017 waren die wärmsten Jahre. Das ist kein Zufall.

Kann der Klimawandel für Deutschland auch positive Folgen haben?

Kurzfristig durchaus. Die Landwirtschaft kann von höheren Temperaturen profitieren. Dadurch kann sich beispielsweise das Weinbaugebiet vergrößern. Auch für den Tourismus kann wärmeres Wetter durchaus von Vorteil sein - man denke nur an einen Strandurlaub an der Nord- oder Ostsee. Aber langfristig überwiegen auch für Deutschland eindeutig die Nachteile. Dürre- und Hitzeperioden sowie Extremwetterereignisse wie Stürme, Hagel und Starkregen werden zunehmen, Insekten und Schädlinge werden sich ausbreiten, der Anstieg des Meeresspiegels wird teure Anpassungsmaßnahmen wie Deicherhöhungen erfordern.

Was tun Sie selbst für den Schutz unseres Klimas?

Ich habe mein Haus so umgebaut, dass ich Strom und Wärme überwiegend aus erneuerbaren Energien gewinne und darüber hinaus Strom ins Netz einspeise. Zudem heize ich mit solarbetriebenen Infrarotheizplatten. Außerdem fahre ich in der Stadt fast immer mit dem Fahrrad oder nutze den öffentlichen Nahverkehr. Geht prima! Fernstrecken lege ich - wenn irgend möglich - mit dem Zug zurück. Fleisch esse ich zwar gerne, aber meist nur einmal pro Woche - wenn man etwas nicht täglich hat, sind Vergnügen und Vorfreude auch viel größer.

Ist unsere Welt noch zu retten?

Ja! Aber nur, wenn wir nicht so weitermachen wie bisher. Derzeit leben etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Der Planet verkraftet auf Dauer aber nur zwei Milliarden Menschen, die so hohe Emissionen haben, wie wir sie derzeit pro Kopf in den Industrieländern produzieren. Wir müssen unseren CO2-Ausstoß also schnellstmöglich reduzieren. Als Rheinländer bin ich Optimist und glaube, dass wir das schaffen können.

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