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Aufstand gegen den Notstand

Beim Streik am Universitätsklinikum in Essen geht es um das Wohl der Patienten

  • Von Dennis Pesch
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Was ist kriminell daran, dass man die Zukunft der Jugend im Blick hat, sich für Arbeitsplätze und gegen den Profit im Gesundheitswesen einsetzt«, heißt es in einer E-Mail, die die Streikenden des Universitätsklinikums Essen (UKE) aus Solidarität erhalten haben. Sie kommt von einem Straßenbahnfahrer. Es ist eine von hunderten, die die Wände des Streikzeltes direkt vor dem Haupteingang der Uniklinik schmücken. Die meisten kommen vom Personal aus anderen Krankenhäusern.

Der Streik am UKE ist auch ein symbolischer für alle anderen Krankenhäuser in Deutschland, die mit massiver Überlastung, vor allem beim Pflegepersonal, zu kämpfen haben. Es ist der Pflegeaufstand als Reaktion auf den Pflegenotstand. Doch es geht in den Krankenhäusern nicht nur um die Pflege, wie so oft angenommen. Ursula Gerster, von ihren Kollegen nur »Uschi« genannt, ist keine Pflegerin, sondern Biologielaborantin. Sie forscht gerade an einer Krebsart, bei der Kinder schon als Säuglinge ihr Augenlicht verlieren.

»Die Medien berichten oft leider nur über die Pflege, aber bei uns streiken alle Berufsgruppen«, sagt sie. Das sei auch nur logisch, denn: »Wenn hier immer mehr Patienten durchgeschleust und Operationen gemacht werden, dann betrifft das die Service-Assistenten, den Transport, die Bettenreinigung, die Küche, die Physiotherapeuten, eben alle Berufsgruppen«, so Gerster. Sie ist die Sprecherin der Vertrauensleute bei ver.di und streikt aus Solidarität.

Sie ist ein Bindeglied zwischen der Gewerkschaft und den Beschäftigten und weiß viel über den Alltag der Pflegenden. »Angehörige müssen sich teilweise um die Patienten kümmern, damit die einigermaßen versorgt werden«, erklärt sie. In der Nachtschicht ist auf Station oft nur eine Pflegekraft. »Wenn dann mehrere gleichzeitig klingeln, dann müssen sie sich entscheiden: ›Zu wem gehe ich jetzt?‹«, sagt Gerster. Das macht viele Pfleger psychisch fertig: »Sie wollen Leuten helfen und können es wegen dem Zeitdruck einfach nicht.«

Den Hauptgrund sieht sie wie die meisten ihrer Kollegen in der Einführung der Fallpauschalen im Gesundheitswesen. Heruntergebrochen heißt das, dass es ein Budget für verschiedene Operationen gibt, mit dem die Kosten in den Krankenhäusern gedeckt werden, also auch das Personal. Gerster kritisiert das: »Es ist offensichtlich, dass hier für Profit gearbeitet wird und es nicht auf die Gesundheit der Menschen ankommt.«

Beim Streik am UKE wird also einerseits Druck auf die Politik ausgeübt, andererseits mit der Tarifgemeinschaft der Länder über die konkrete Entlastung aller Berufsgruppen an den Universitätskliniken in Düsseldorf und Essen verhandelt. Das hat Signalwirkung für andere Krankenhäuser, die von den Bundesländern betrieben werden und ebenfalls überlastet sind.

Dass die Pflege überhaupt in den Streik gegangen ist, war für viele der Pflegekräfte keine leichte Entscheidung. »Die tun sich schwer, weil sie die Patienten versorgen möchten«, erklärt Gerster. Der Essener ver.di-Gewerkschaftssekretär Gereon Lasch sieht hier eine Veränderung in der Haltung. »Der Streik macht vielen anderen Pflegekräften in Deutschland Mut«, sagt er. Streiken soll auch dabei helfen, das schlechte Gewissen, das viele Pfleger trotzdem gegenüber den Patienten haben, abzuschütteln. Biologielaborantin Gerster sieht das ähnlich: »Wir kämpfen eigentlich dafür, dass die Patienten gut versorgt werden«, erläutert sie.

Unter den Streikenden sind zudem viele Auszubildende. Eine davon ist Sarah Kaiser. Sie wird Kinderkrankenpflegerin. In ihrer Station sei die Situation erträglicher als bei den meisten ihrer Kollegen, sagt sie. Manchmal sei aber trotzdem keine Zeit da, um die für die Ausbildung sehr wichtigen Praxisanleitungen durchzuführen. Dabei zeigen bereits ausgebildete Pflegekräfte den Azubis zum Beispiel, wie sie Menschen richtig aus dem Bett heben. »Die haben dann keine Zeit, uns das zu zeigen, weil auf der Station gerade die Hölle los ist«, schildert Kaiser.

Auf der Kinderkrankenstation bekommen sie den Pflegenotstand vor allem dann zu spüren, wenn ihre Kolleginnen und Kollegen morgens plötzlich zu einer anderen Station müssen. Die Leidtragenden sind oft die Kinder: »Manche müssen wir alleine lassen, obwohl es eigentlich eine Eins-zu-eins-Betreuung erfordern würde.« Die bundesweite Relevanz sieht sie vor allem in der Größe und Bekanntheit des UKE. 3340 Pfleger und Therapeuten arbeiten hier laut Website. Insgesamt waren 471 674 Patienten dort (Stand: Geschäftsbericht 2017).

»Die Medienpräsenz wird größer, je länger der Streik andauert, und es gab von uns und den Düsseldorfern ja auch eine große Demonstration bei der Gesundheitsministerkonferenz im Juni«, sagt sie. »Dass die Pflegekräfte in so großen Kliniken sagen, dass es so nicht weitergeht, hilft auch den kleinen Krankenhäusern«, so die Auszubildende. Druck wollen sie aber nicht nur auf die Politik machen. Sie nehmen auch den Vorstand des UKE in die Pflicht. Am Mittwoch haben sie »den Vorstand nass gemacht«. Symbolisch wurde eine Person als Vorstand verkleidet und mit Wasserbomben beworfen. Das sorgt im Streikzelt für gute Stimmung.

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