Werbung

Schwarzer Freitag für Ryanair

Der 24-stündige Streik dürfte die Chancen der Piloten verbessert haben, einen Tarifabschluss zu erreichen

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Frankfurt
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

An den Ryanair-Schaltern wie hier am Flughafen Stockholm-Skavsta ging es am Freitag spürbar ruhiger zu.
An den Ryanair-Schaltern wie hier am Flughafen Stockholm-Skavsta ging es am Freitag spürbar ruhiger zu.

Auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen sind an diesem Freitagmorgen keine Scharen gestrandeter Passagiere zu sehen, die sich auf Feldbetten oder ihren Koffern niedergelassen haben und mit Erfrischungen und Snacks bei Laune gehalten werden müssen, wie dies etwa bei Lufthansa-Streiks der Fall war. Auch Demonstranten der Piloten-Vereinigung Cockpit (VC) mit Schildern und Transparenten sucht man vergeblich. Die Ryanair-Schalter in Terminal 2 sind weitgehend verwaist. Zu den wenigen ahnungslosen Fluggästen gehört eine Gruppe junger Männer, die zum Junggesellenabschied nach Mallorca aufbrechen wollte und gelassen darauf reagiert, dass ihr Flieger am Boden bleibt.

Dennoch ist der 24-stündige Streik bei der irischen Billigairline, der um 3.01 Uhr begann, als historisch zu bezeichnen. Erstmals traten Piloten in Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Irland und Schweden gleichzeitig in den Ausstand. Daher war es nicht möglich, den Arbeitskampf durch eingeflogene Streikbrecher aus anderen Ländern zu unterlaufen. So wurden laut Ryanair europaweit etwa 400 von rund 2400 geplanten Flügen, davon alleine 250 von deutschen Airports, abgesagt. Auch wenn das Unwetter auf Rhein-Main am Donnerstag mehr Flüge ausbremste, könnte der Ausstand der Piloten sich als Meilenstein für die Beschäftigten und als »Schwarzer Freitag« für Ryanair-Boss Michael O’Leary entpuppen. »Eher friert die Hölle zu, als dass wir Gewerkschaften zulassen«, hatte der ruppig auftretende Ire im September 2017 verkündet. Das ist Schnee von gestern. Ausdruck des Umschwenkens ist nicht nur die Tatsache, dass das Management außer in den Niederlanden nicht versuchte, den Streik per einstweiliger Verführung verbieten zu lassen. Auch verkündete Peter Bellew, der Leiter des operativen Geschäfts: »Wir erkennen an, dass Menschen ein Recht zu streiken haben.« Und Vertriebschef Kenny Jacobs stellte einen Tarifabschluss bis Jahresende in Aussicht.

O’Leary und seine Managerkumpels, die sich kürzlich über einen Rekordgewinn von 1,5 Milliarden Euro freuten, können nicht länger ignorieren, dass sie mit ihrer kompromisslosen Billigstrategie, prekären Arbeitsbedingungen sowie dem »Teile und herrsche« im Umgang mit Gewerkschaften nicht mehr durchkommen. Während sich viele Flugbegleiter über Einkommen nahe der Armutsschwelle beschweren und manche ihr Gehalt mit dem Einsammeln von Pfandflaschen in den Fliegern etwas aufbessern, klagen die Piloten darüber, dass sie bei Ryanair nur etwa halb so viel verdienen wie bei der Lufthansa und deutlich schlechtere Bedingungen im Arbeitsalltag vorfinden.

Dies sorgt für Unzufriedenheit und Wut. Europaweit kündigten im vergangenen Jahr über 600 der konzernweit 4200 Piloten ihren Job, um bei der Konkurrenz anzuheuern. Auch viele der von Air Berlin übergewechselten Piloten seien schon nach wenigen Monaten wieder ausgestiegen, wie »nd« von einem Insider erfuhr. Für die verbliebenen Piloten bedeutet dies verstärkte Arbeitshetze sowie Druck zu mehr Flexibilität und zu Urlaubsverzicht. Als Folge der Personallücken strich das Unternehmen 2017 europaweit mehrere Tausend Flüge und stieß damit auch viele Kunden vor den Kopf. Die viel zu eng gestrickten Flug- und Umlaufpläne der Flieger lösten regelmäßig massive Verspätungen aus.

Gegenüber den jetzt vom Streik betroffenen rund 55 000 Passagieren bleibt Ryanair dem Niedrigkostenprinzip treu. Fluggästen wurde lediglich die Erstattung des Ticketpreises für den Streiktag zugesagt. Wer notgedrungen andere Flüge und spätere Rückflüge stornieren musste, ging leer aus. Kostenlose Hotelunterkünfte, wie sie andere Airlines in solchen Fällen gewähren, kamen für die Iren nicht in Frage. In Internetforen beklagten sich Kunden am Freitag über Endloswarteschleifen in Callcentern und Pannen auf der Website.

Unterstützung für die Piloten signalisierte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Die Flugbegleiterorganisation UFO lobte den »mutigen Schritt« und kündigte für ihre Berufsgruppe »eine harte, aber konstruktive Tarifauseinandersetzung« an. »Wir haben uns europaweit organisiert und werden nicht eher nachgeben, bis Ryanair sich endlich an geltendes Recht und Gesetz hält«, erklärte UFO-Tarifexperte Steffen Frey. Der Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser (LINKE) forderte die Regierung auf, Start- und Landerechte für Airlines an die Einhaltung sozialer und arbeitsrechtlicher Mindeststandards und Gewerkschaftsrechte zu knüpfen.

Am Frankfurter Flughafen war der Protest am Nachmittag dann doch noch sichtbar. Streikende aus dem gesamten Bundesgebiet versammelten sich zu einer Kundgebung an der VC-Zentrale im Main Airport Center. »Ryanair must change«, »Unite before Flight« und »Keine Landeerlaubnis für irisches Sozialdumping« lauteten einige der Parolen auf Schildern und Transparenten.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen