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Zauberhafte Säge

Zum 75. Geburtstag der Schauspielerin Margit Bendokat

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Yvonne, du nervst! Du nervst elendig! Bist also grandios. Jene tönende Folter, die von dieser Frau ausging, das war die Leistung von Margit Bendokat. In der deutschen Synchronisation der dänischen »Olsenbande«. Yvonne: eine zauberhaft höllische stimmliche Säge, die an Egon Olsens Autorität herumkratzt; eine Vokalkrähe, die ihren Ehemann Kjeld ohne Unterlass in die Unterwürfigkeit hackt und fortwährend ihren akustischen Gemütsstacheldraht ausrollt. In dieser Synchronstimme lebt genau jene Gauklerlust, für die der Name Margit Bendokat überhaupt steht. Mag sie spielen, was immer ihr aufgetragen ist: Noch jeder Heiligkeit von Text und Ton bleibt das Quere, Schräge, Schrille eingeschrieben.

Seit 1965 spielt sie am Deutschen Theater Berlin. So einer Erfahrenen muss man nichts mehr über politische und künstlerische Zeitläufte erzählen, also nichts mehr über das Turbulente in den Stillständen oder über den Stillstand in den Turbulenzen. Sie besitzt eine Eigenheit, die im Wirbel der Moden standhaft blieb. Spätestens seit ihrem Dienstmädchen »Pauline« (1976, Regie: Alexander Lang) ist das Wesen Bendokat präsent: diese vertrackte Aufsässigkeit; diese Polarität zwischen schreikräftigem Überspanntsein und instinktiver Bodenständigkeit; dieser Rhythmus einer schnoddrig harten, fast ins Rezitative schwingenden Sprache. Die auf mehr als nur aufs Ohr zielt; die dem Messer näher sein kann als jener Blume, durch die manch eine - sich hold wähnend - so säuseln mag. Die Bendokat erleben: ein Sehen, bei dem dir auch das Hören nicht wieder vergeht.

Das Klageweibliche hat in dieser Frau eine sehr besondere Stimme, einen skurril kämpferischen Charakter gefunden. Viele Schauspieler können melancholisch sein, sie aber kann melancholisch und gleichzeitig knochentrocken werden. Sie greift ein Wort aus einem Satz heraus, als sei es ein ganzes Lebewesen, und kichernd wird daraus ein Clownswort, peitschend ein Schreckenswort. Man kann sich vorstellen, dass griechische Chöre diesen Ton hatten. Deshalb ist sie auch Spielerin Einar Schleefs gewesen. Die russische Revolutionärin Spiridonowa im Wucht-Werk »Verlorenes Volk«: ein monologischer Halbstundentext, von der Bendokat gleichsam durchwühlt, durchpflügt, monoton hochgezogen, als sei der Rote Oktober eine Dichtung Homers. Im brachial stolzesten Sinne langatmig.

Margit Bendokat, das ist eine Zeit-Reise. Dresen-Zeit und Gosch-Zeit und Gotscheff-Zeit und Stemann-Zeit. Vor allem: Zeit beim Regisseur Alexander Lang (»Stella«, »Dantons Tod«, »Ein Sommernachtstraum«). Wo die Bendokat auftritt, ist irgendein Entsetzen nicht weit, ist ein gewisser Horror anwesend, von dem man nicht weiß, woher er kommt, wohin er ausschlägt, in welche Stille er sich hineinrammt. Sie spielte kaum Titel- oder Hauptrollen, aber wenn sie auf der Bühne steht, muss einer oder eine neben ihr schon gehörig was tun, um weiter als protagonistisch zu gelten. Berliner Lieder hat sie so lakonisch komisch und unsentimental liebenswert gesungen wie irische Songs; sie ist liebwilde Mutter, archaische Toberin, keifende Megäre, ist Hartgewordene und Weichgesottene, Gestählte und Gewalkte. Rosengleich: Blühkraft und Stachel - Trennkost ist nichts für Komödianten.

Ich seh sie in Stemanns »Heiliger Johanna der Schlachthöfe«: Proletarierin Luckerniddle, mit Trainingsanzug. In aufgekratzt reißender Sprachmonotonie: leidende Ausgebeutete, kernige Agitatorin, lederne Ideologin, da wird ein Weibsherz gleichsam zum kalt keifenden Parteiorgan. Ich sah sie in Gotscheffs »Persern«: eine tief getroffene Gemetzel-Botin, die um Fassung ringt; dann selber eine Hörende der schlimmen blutigen Berichte - wellengleich durchjagt ein Erzittern ihren Körper. Und ebenfalls bei Gotscheff: die Linda Loman in »Tod eines Handlungsreisenden«, Ehefrau eines trostlosen Vertreters: großartig in ihrem Einfaltsschicksal, in dem die Emanzipation nicht mal seufzen darf. Aufwühlend, wie die Bendokat dann plötzlich ihren erbärmlichen Mann gegen die groben, karrieregeilen Söhne verteidigt. Aus einem glühenden Kern der Liebe heraus. Wie sich eine heiße Herzsprache auf Wegen zur Zunge in kalte Lava verwandelt, die herunterdonnert wie ein Stein. Ein Schrei aus Stein. Gegen die eigenen Kinder. Tragödie.

Sie wurde 1943 in Templin geboren. Wurde zur Berlinerin. Waschechte Berlinerin, sagt man. Was ist das? Unberührbarkeit durch Wind und Wetter? Abhärtungskraft? Technische Zeichnerin war sie, wollte aber zur Bühne, unbedingt. In ihrer Sparte repräsentiert sie einen Schönheitsbegriff der Abweichung. Es ist nämlich schön, wenn etwas stört. Wenn es sich nicht einfügen lässt in ersehnte Harmonien. Die gehärtete Schönheit des Steinweichen. Schönheit als etwas, das man sich erarbeiten muss. Beteiligt sein am Preis, den solche Schönheit kostet. Vielleicht ist der Preis, den sie kostet, überhaupt das Schönste an der Schönheit. Am Leben. Margit Bendokat wird am Sonntag 75 Jahre alt.

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