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Seismograf

Wolfgang Engel wird 75

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es gibt ein beglückendes Erschrecken. Dann, wenn einem Mensch die innere Sicherheit birst. Erschreckend daran: dass ein Halt bricht. Aber das Beglückende: Weltentdeckung - mitten in der Welt, die man zu kennen glaubte. Es ist doch spannend, wenn Gewissheiten stürzen! Wenn plötzlich andere Erfahrungen und Wahrnehmungen an unsere Selbstruhe stoßen - wie ein Eisberg an verletzbares Schiffseisen, das sich stark auf gutem Kurs wähnte. Wenn also die bisherige Klarheit darüber absäuft, etwas sei so und nur so gewesen, wie man es selber erlebte und sah und wusste und sehen sollte - dann kommt der Mensch ins Schwimmen. Aber vielleicht entwickelt er Kraft und Lust wie nie: auf neue Ufer.

Dies war stets Thema der Theaterarbeiten von Wolfgang Engel, und als Uwe Tellkamps großer Roman »Der Turm« vor Jahren auf deutsche Bühnen fand, entfaltete Engels Regie am Staatsschauspiel Dresden die wohl kräftigste Wirkung der zahlreichen Adaptionsversuche. Besagtes glückreiches Erschrecken: die DDR im Erfahrungslicht gründlicher bürgerlicher Distanz. Dresdens Villenviertel »Weißer Hirsch«: Gleichnisort für letzte Bürger im letzten Stadium des Systems. In ungeliebter Gegend aus Einheitspartei, verbrauchtem Idealismus, einer Volksmacht, aus der sich das Volk nichts macht, und millionenfach kleinem Exil. In der Anpassung. Oder im Turm. Ein Ort, eine Haltung.

Engel, geboren 1943 in Schwerin, dort Schauspieler und Regisseur, gehörte im letzten Jahrzehnt der DDR zu den wichtigsten Seismografen für die Agonie des Regimes: Das Staatsschauspiel hielt dem Schauspiel des Staates den entblößenden Spiegel vor. Blicke ins Gescherbte. In den Klassiker-Inszenierungen Engels trug die nackte Wahrheit blutige Militärmäntel, die Utopie probte den Würgegriff, die Geschichte ließ alle Himmel in Abgründe stürzen. Shakespeare und Schiller und Hebbel und Heiner Müller als Kombattanten eines wachen Skeptikers. Opposition als Grundimpuls für Schöpfertum. »In der DDR haben wir alle Schaden an unserer Seele genommen«. So war ihm Dresden die schönste Zeit: Zeit der Offenheit unter Folien der Lüge ringsum. Als wolle die Freiheit ihre leidenschaftlichsten Feiern im Gefängnis feiern. Engel gehörte zu denen, die 1989 in Dresden auf offener Bühne sagten: »Wir treten aus unseren Rollen heraus.«

Nach der Wende aber, am Schauspiel in Frankfurt am Main, schien er sich weniger frei gefühlt zu haben als unter den Bedrängungen im Osten. Engel empfindet wohl jede Ordnung als einen Feind des Einzelnen. Sein Theater prüft die Fähigkeit des Menschen, in Schuld und Verlust Mensch zu bleiben. Von 1995 bis 2008 war er Intendant des Leipziger Schauspiels. Inszenierte »Wallenstein«, »Don Carlo«, »Peer Gynt«: starke Plädoyers für eine - immer gefährdete - Ethik der unbewaffneten Nachbarschaften von Mensch zu Mensch. Wahrheitssuche: Was ist böses Schuldigwerden, was ist unschuldiges Bösewerden? Heute wird Wolfgang Engel 75 Jahre alt.

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