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Die Reaktion in der Redaktion

Völkische und sonstige rechte Positionen gehören auf keinen Fall unkommentiert in die Medien, sagt Jan Sperling

  • Von Jan Sperling
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Debatte um die Legitimität von Seenotrettung im Mittelmeer, die jüngst von Miriam Lau in der »Zeit« angestoßen wurde, macht eine Veränderung der medialen Berichterstattung in Zeiten des Rechtsrucks deutlich. Völkische und sonstige rechte Positionen werden zunehmend unkritisch in vielen Medien übernommen und finden in der politischen Debatte immer mehr Gehör. Rechte Stichworte normalisieren sich und autoritäre Positionen werden damit nach und nach legitimiert. All die besorgten Bürger*innen fühlen sich darin bestätigt, wenn ihre Ressentiments gehört und wiedergegeben werden. Dies ist ein großer, von der radikalen Rechten sehnlich erwarteter Schritt zur Normalisierung und zum politischen Erfolg.

Ein Beispiel hierfür liefert der »Spiegel« in einem Artikel über Götz Kubitschek, den selbsternannten Vordenker und Stichwortgeber des »konservativ-revolutionären« Spektrums zwischen AfD, Junger Alternative und Identitärer Bewegung. Kubitschek bewohnt ein Rittergut in Sachsen-Anhalt, auf dem er offenbar Selbstversorgungswirtschaft betreibt. Die Tatsache, dass der neu-rechte Verleger sein eigenes Gemüse anbaut und die Möbel von einem lokalen Schreiner reparieren lässt, steht im Artikel gleichwertig neben seiner Ideologie, die er ungefiltert mit seinen eigenen Worten beschreiben darf. Dies hat eine stark relativierende Wirkung. Im Artikel wird behauptet, dass auf dem Rittergut weder das Dritte Reich verherrlicht noch »der Holocaust angezweifelt oder dem offenen Rassismus gehuldigt« werde. Kritische Berichterstattung findet sich in der Reportage kaum.

Dass diese Tendenz nicht nur in den großen Redaktionen der Republik zu finden ist, sondern auch den journalistischen Nachwuchs bewegt, zeigt ein lokales Beispiel aus Köln. Die Kölner Studierendenzeitung KSZ macht in ihrer aktuellen Aufgabe mit einem Artikel über studentische Verbindungen auf. Dort können sie sich als unterdrückte Rebellen gegen angebliche antisexistische »Sprechverbote« positionieren, die jedoch höchstens in ihrer eigenen Vorstellung existieren, nicht aber in einer Gesellschaft, in der gerade ein patriarchaler Rollback stattfindet.

Grassierender Antifeminismus ist in den Feuilletons angekommen. Dies bewies, unter vielen anderen, ein kürzlich erschienener Aufmacher der »Zeit«, in dem Chefredakteur Jens Jessen die #MeToo-Debatte als männerfeindliche Verfolgungsjagd dargestellt hat. In ähnlichem Stil äußert sich der Sprecher der Burschenschaft Alemannia in der Studierendenzeitung: Zu der Burschenschaft gehörten viele, die »für ihre Meinung nicht ausgegrenzt werden möchten«. Sie rühmen sich dementsprechend damit, niemanden »auszuschließen«. Warum diese Selbstbeschreibung von der Redaktion der KSZ ernst genommen wird, ist nicht nachvollziehbar. Das fundamentale Konzept von Verbindungen besteht ja genau darin, Frauen auszuschließen und Männern einen exklusiven Zugang zu gewähren. Völkische Nationalisten werden akzeptiert, Frauen nicht.

In den zitierten Artikeln werden die rechten Begriffe und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen einfach unkommentiert weitergegeben, ohne sie einzuordnen oder zu kritisieren. Dies ist jedoch in einer demokratischen Auseinandersetzung notwendig. Für den Ausschluss menschenverachtender Ideologien und deren Vertreter*innen gibt es nämlich gute Gründe: Wenn Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie im Journalismus legitime Positionen werden, nimmt die Freiheit all jener ab, die hiervon betroffen sind. Mit der Art von Berichterstattung, wie sie in den beschriebenen Artikeln vorzufinden ist, wird die Sagbarkeit völkischer und rassistischer Positionen, ob willentlich oder nicht, immer weiter vorangetrieben.

Jan Sperling ist aktiv beim Antifa AK Cologne

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