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Eine Dorfdisco zieht um - ins Freilichtmuseum

Niedersachsen: In Cloppenburg wird ein Zeugnis der Jugend- und Freizeitkultur der alten Bundesrepublik bewahrt

  • Von Irena Güttel, Cloppenburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bauernhäuser, eine Schmiede, eine Dorfschule - das erwartet man üblicherweise in einem Freilichtmuseum. Doch die Zeiten ändern sich: Im niedersächsischen Cloppenburg gehört künftig auch eine Dorfdiskothek zum Inventar - als Zeugnis für die Jugend- und Freizeitkultur in der Nachkriegszeit.

Ein Gerüst umstellt den schmucklosen Klinkerbau, die Fenster sind fast blind vom Staub. Dass Generationen hier Nächte durchgetanzt haben, ihr erstes Bier probierten und zum ersten Mal küssten - nein, darauf weist heute nichts mehr hin. Das Innere ist ausgeschlachtet. Vereinzelt sind Tapetenreste aus den 1970er Jahren zu erkennen. An einer Wand steht noch eine Bar, umhüllt von schützender Folie. Draußen decken Handwerker vorsichtig die Dachpfannen ab. Die Dorfdiskothek »Zum Sonnenstein« macht sich bereit für den Umzug. Demnächst soll sie im Freilichtmuseum stehen.

Für das Museumsdorf Cloppenburg ist die alte Disco von Harpstedt (Kreis Oldenburg) ein Glücksfall. »Hier haben wir den seltenen Idealfall, dass wir das Gebäude und das Innenleben komplett mitnehmen können«, sagt Direktorin Julia Schulte to Bühne. Und das auch noch originalgetreu: Als die Experten das Gebäude betraten, standen noch die vollen Aschenbecher auf den Tischen. So als hätten die letzten Gäste den Tanzsaal gerade erst verlassen. Generationen haben dort seit den 1950er Jahren gefeiert.

»Wir waren damals in der Gegend die einzige Disco«, erinnert sich der ehemalige Besitzer Klaus Sengstake. Im »Zum Sonnenstein« knüpfte man seine sozialen Kontakte. »Das war auch eine Heiratsschmiede«, ergänzt Hans Freitag. In den 1960er Jahren verbrachte er jeden Samstag in dem Tanzlokal. »Damals kam man nur im Anzug und mit Krawatte herein. Die Frauen trugen Kleider.« Später legte Freitag als DJ Hits von Abba, George Michael und Duran Duran auf, aber auch Schlager. Die Kleiderordnung war deutlich gelockert.

Eine Spezialfirma soll Ende August die Fassade der Disco in acht große Stücke schneiden. Tieflader werden die Teile ins Museumsdorf bringen, wo die Forscher das Gebäude samt Tanzfläche, DJ-Pult, Lichtanlage und Möbeln wieder aufbauen werden. Richtfest soll voraussichtlich Ende November sein. »Wir wollen im Museumsdorf künftig auch die Nachkriegszeit zeigen. Ein Freilichtmuseum ist immer ein Abbild der Zeitgeschichte«, begründet Museumsleiterin Julia Schulte to Bühne das etwa eine Million Euro teure Projekt. Anhand der Disco ließen sich viele Geschichten rund um Jugendkultur, Generationskonflikte, Geschlechterverhältnisse, Musik und Drogen erzählen. Geplant ist, unter anderem auch einen Friseursalon und ein Lebensmittelgeschäft im Museumsdorf zu errichten.

147 Freilichtmuseen gibt es nach der jüngsten Erhebung des Instituts für Museumsforschung in Deutschland (Stand: 2016) - und viele gehen mit der Zeit. »Die jüngere Vergangenheit hat Einzug erhalten«, sagt der Direktor des Freilichtmuseums im ostwestfälischen Detmold, Jan Carstensen. Als Sprecher für die Freilichtmuseen beim Deutschen Museumsbund hat er einen guten Überblick über deren Entwicklung.

So will auch das Freilichtmuseum am Kiekeberg nahe Hamburg neben historischen Häusern aus dem frühen 19. und 20. Jahrhundert künftig ein Ensemble aus der Nachkriegszeit ausstellen. »Wir hatten gerade den ersten Spatenstich«, sagt Museumsmitarbeiterin Julia Daum. Rund sechs Millionen Euro sind für das Projekt geplant. In den nächsten sechs Jahren will das Museum zum Beispiel einen Aussiedlerbauernhof, eine Ladenzeile und ein Fertighaus aus dem Quellekatalog auf dem Gelände aufbauen.

Im Museumsdorf Cloppenburg können Besucher künftig im »Zum Sonnenstein« in Erinnerungen schwelgen und einen lebhaften Eindruck von der Vergangenheit bekommen. Der gesamte Bestand von 1800 Schallplatten ist erhalten und soll regelmäßig erklingen. Musikkapellen könnten ebenfalls wieder zum Tanz aufspielen, sagt Schulte to Bühne. »Die Disco soll im Museum leben.« dpa/nd

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