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Verwickelt, rätselhaft, schuldig

Der norwegische Krimi-Achtteiler »Elven« auf Arte

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wer aus deutscher Perspektive an ein Land wie Norwegen denkt, hat flugs ein ganzes Bündel Klischees im Sinn: idyllische Weiten voller Elche, Bäume und Fjorde, die vielleicht mal eines dieser pittoresken Postschiffe aus der Hurtigruten-Reklame durchmisst. Und falls sich doch mal jemand in die Wildnis verirrt, sind es friedfertige Naturburschen mit weichem Kern unter der harten Schale, zu denen womöglich ein Jagdgewehr passt, ganz gewiss aber kein schweres Kriegsgerät. Da ist es fraglos ein Kulturschock, wenn tarnfleckuniformierte Soldaten dauernd mit Schnellfeuerpistolen im Anschlag durch die norwegische Fernsehserie »Elven« patrouillieren und arglose Bewohner der russischen Grenzregion verstören.

Wobei - arglos? Wenn ein Unbekannter gleich zu Beginn des Achtteilers Leichenteile vom »Fluss aus der Kälte«, wie es im Untertitel heißt, aufklaubt; wenn ein Mädchen die fehlende Hand findet und kurz darauf tot im militärischen Sperrgebiet liegt; wenn der mutmaßliche Täter offenbar willentlich von Soldaten getötet wird, die eigentlich gar nicht scharf munitioniert sein dürften; wenn sich aus so viel roher Gewalt also ein heillos verknotetes Geflecht aus Verbrechen von heute und längst vergangener Zeit entspinnt - dann wird wie so oft im Krimi skandinavischer Herkunft deutlich: An Europas eisigem Nordrand ist niemand frei von Verantwortung für gewohnt brutale Untaten. Fast niemand.

Im Alleingang nämlich macht sich der eigensinnige Landpolizist Thomas Lønnhøiden ab heute an drei Donnerstagen auf Arte daran, die »Mauer des Schweigens«, wie es in diesem Genre gern heißt, zu zerbrechen. Ein schwieriges Unterfangen. Zumal der eigene Vater ebenso in diesem Abwehrbollwerk hängt wie dessen Bruder, das Militär diverser Dienstgrade, Geheimagenten bis tief in den ehemaligen KGB, dazu Lønnhøidens Kollegen, die Presse, ja selbst der Pastor und seine Schäfchen - alle, wirklich alle sind hier irgendwie verwickelt, alle wirken rätselhaft, alle scheinen mitschuldig und gucken auch vorwiegend so drein.

In seiner opaken Unzugänglichkeit gleicht der Handlungsort von »Elven« demnach der TV-Legende »Nummer 6«, die vor gut 50 Jahren ein psychedelisches Dorf voller Freaks und Gaukler zum Gefängnis eines entführten Spions gemacht hat. Doch das Umfeld des real existierenden Flusses Djupelv ist zwar fast ähnlich geheimnisvoll wie einst »The Village«, aber auf eine filmästhetisch eher gewöhnliche Art und Weise. Langsame Kamerafahrten durch die Schönheiten der norwegischen Landschaft machen die Serie naturgemäß zum optischen Erlebnis. Wie üblich im skandinavischen Krimi ist die Optik auch ohne das ewige Sonnenlicht, mit dem sie ZDF-Melodramen zwanghaft verkleistern, also buchstäblich atemberaubend.

Das Team von Regisseur und Chefautor Arne Berggren (»Hotel Cæsar«) hat seinem Werk somit eine zutiefst ergreifende Aura verpasst, die das herausragende Soundengineering von Geirmund Simonsen akustisch abermals verstärkt. Doch so mitreißend die Atmosphäre der rund 320 Minuten Sendezeit auch ist, so überfrachtet wirkt bisweilen der verschwörungstheoretisch aufgeplusterte Inhalt. Und als wollten die deutschen Übersetzer das Durcheinander künstlich entschleunigen, drosselt ihre Synchronisation permanent das (im Original ziemlich rasante) Sprechtempo. Im Gegensatz zum Hauptdarsteller Espen Reboli Bjerke zum Beispiel macht der Tonfall des Wuppertalers Olaf Reitz den strafversetzten Großstadtbullen Thomas Lønnhøiden zu einer Art senilem Harley-Veteranen auf Absinth - der andererseits ein wenig zu juvenil und gut aussehend ist für eine derart verschrobene Filmfigur. Das allerdings hat er mit der bildschönen Armee-Offizierin Mia Holt (Ingeborg Sundrehagen Raustøl) gemein, die sich entsprechend nach und nach als einzige Verbündete im Kampf gegen den weltpolitisch erstaunlich bedeutsamen Moloch in der polaren Einöde erweist.

Vielleicht sind dies ein paar Gründe dafür, dass TV3 bei der Erstausstrahlung in Norwegen Ende März mit - selbst für ein derart bevölkerungsarmes Land - nur mäßigen 212 000 Zuschauern ziemlich durchgerasselt ist. Vielleicht ist aber auch selbst das heimische Publikum langsam leicht genervt von all den monströsen Untaten kauziger Menschen der skandinavischen Wildnis. Wobei »Elven« keinesfalls missraten ist. Es gewinnt der lieb gewonnen Konstellation aus toller Landschaft und krassen Verbrechen nur viel zu wenig Neues ab.

Ab 23. August auf Arte

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