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»Ständig muss man sich ...

Kathrin Gerlof über einen Urlaub, der schöner wäre, wenn man alle Probleme abschalten könnte

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 3 Min.

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... zwischen zwei Polen orientieren: dem des Spaßverderbers einerseits, dem des Mitstreiters für eine Utopie andererseits.« Als Pierre Bourdieu über Soziologische Fragen nachdachte, war das mit dem Gendern noch nicht so wichtig. Ansonsten aber war der Mann sehr weitsichtig. Wer heute in den Urlaub fahren und dabei das Ganze und die Katastrophe nicht völlig aus dem Blick verlieren möchte, hat es schwer.

Wir waren neun Menschen, vier davon im Alter von zwei bis sechs Jahren (guter Betreuungsschlüssel, in einer Kita undenkbar, in Deutschland fehlen rund 107 000 Erzieher*innen) und wollten gemeinsam Ferien machen. Haben wir auch. War schön jewesen, würde der Berliner sagen und die Berlinerin nickte dazu. Aber weil wir uns alle für aufmerksam genug halten, um den ganzen Umweltkram nicht aus den Augen zu verlieren, gab es eine Menge Wermutstropfen. Zug oder Auto war schnell und traurig entschieden. Wir konnten uns Zug nicht leisten, außerdem hat die Deutsche Bahn ja die eine und andere Bahnstrecke stillgelegt, es gibt immer mehr Orte, die einfach unerreichbar sind.

Zwei Autos (eins geborgt und mit Klimaanlage) aber kriegten wir klar, weil Autofahren hierzulande ja viel preiswerter ist. Und das soll auch so bleiben, die Wirtschaft und die Politik rechnen für die kommenden Jahre mit einem steigenden Verkehrsaufkommen auf deutschen Autobahnen. 17 Prozent plus. Das freut beide, weil man daraus einen schönen Verkehrswegeausbauundentwicklungsplan stricken kann, der die Wirtschaft mächtig ankurbeln wird. Außerdem müssen wir unsere Autoindustrie am Laufen halten. Autobahnen bauen, ausbauen, Flächen versiegeln, das ist des Deutschen liebstes Ding. Schon lange übrigens.

Wer nicht am Steuer saß, während die Baustellen uns ein gemächliches Tempo ermöglichten, durfte die Aufschriften auf den vielen großen Transportern bewundern. 2017 wurden 3,7 Milliarden Tonnen Güter über die Straßen gekarrt. Bayerische Milch nach Brandenburg, brandenburgische Milch nach Bayern und all solche Sachen. Sogar lebende Tiere en masse, was Kindern besonders großen Spaß macht. Hauptsache, die Dinge bleiben in Fahrt, und noch mal Hauptsache, man bekommt bei Kaufland in Bayern auch Milch aus Brandenburg und bei Kaufland in Brandenburg auch Milch aus Bayern. Wäre dem nicht so, könnten wir den Staat verklagen, weil er uns in unserer Freiheit als Verbraucher und -in beschränkt.

Ferienwohnung toll, kleiner See gleich vorm Haus, ein paar tote Fischlein drin, sonst aber noch sehr schön. Wenige Tage vorher gelesen, dass Starkregen das Problem mit dem fehlenden Sauerstoff in den Gewässern auch nicht löste. Er enthalte zu viel Dreck und Gift. Wir begruben ein totes Fischlein und gingen eine Runde schwimmen. Mit der Gelassenheit jener Spezies, die gelernt hat, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können. Das einzige Stoßgebet, das auch Atheisten aufzusagen pflegen.

Großeinkauf bei Kaufland, Schland, oh Schland. Höchste Konzentration. Nur zwei Schritte und man hat sich vom Pastaregal ins Spielzeugland verirrt. Das zu händeln reichte auch unser Betreuungsschlüssel nicht. Wir schlugen hinter der Kasse so viele Dinge wie möglich aus der Plastikhülle und waren uns wohl bewusst, dass der Müll dadurch nicht einfach verschwindet. So kommt man nie zu guten Gefühlen.

Auf dem Rückweg kleiner Boxenstopp, um sich eine »Offene Kirche« anzuschauen. Was das wohl sein mag? Noch nicht mal aus dem Auto gestiegen, materialisierte sich eine blonde Dame vor uns und bekundete, dass wir vor ihrem Haus nicht parken dürfen. Dieses Stück Straßenrasen sei ihr Eigentum. Wir ließen die Kirche ohne uns offen und ergingen uns in der Fantasie, am nächsten Tag vor dem Haus der Frau zu halten und alle vier Kinder auf ihren Eigentumsrasen kacken zu lassen. Der Vorschlag wurde abgewählt. Die Verdauung kleiner Kinder folgt leider völlig stochastischen Regeln. So rettet man aber auch die Welt nicht.

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