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In der kompensierten Natur

Marin Leidenfrost durchstreifte die Umgebung des zweitgrößten europäischen Hafens in Antwerpen

  • Von Marin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Öko: In der kompensierten Natur

Das Buch eines flämischen Weltreporters brachte mich auf diesen abseitigen Konflikt. In »Dit is mijn hof« erzählt Chris de Stoop, wie sich der zweitgrößte europäische Hafen immer weiter die Schelde hinauffrisst. Zusätzlich zu 224 Millionen Tonnen Jahresumschlag enthält der Antwerpener Hafen auch immer mehr Industrie, darunter den größten Chemiecluster Europas. Seit den Nullerjahren ist der Hafen verpflichtet, für jeden Ausbau »Naturkompensation« zu leisten. Das benötigte Land wird von der Landwirtschaft genommen. Einige Bauern wurden wohlbestallte Privatiers in neuen Kieldrechter Einfamilienhäusern. Andere wurden enteignet. Ihnen leiht Chris de Stoop seine Stimme. Traurig und zornig sieht der Bauernsohn zu, wie das alte Kulturland, einst unter großen Mühen urbar gemacht, in »Unkraut und Schwemmland« verwandelt wird, in »ein Paradies für Schleimpilze«.

Martin Leidenfrost, 
österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus 
durch Europa.
Martin Leidenfrost, 
österreichischer Autor, lebt im slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves und reist von dort aus 
durch Europa.

Als ich am Morgen ins Waasland komme, überrascht mich die Intensität der Landwirtschaft. Große Hallen neben kleinen Höfen, große Nutzmaschinen, dazwischen Inselchen von Feuchtbiotopen. Im »Natuurhuis Panneweel«, einem aufgelassenen Bauernhof, besuche ich den »Natuurpunt«, der im Buch den Part des bornierten Öko-Spießertums spielt. Jan Dhollander, ein pensionierter Apotheker, empfängt mich. Ich frage ihn: »Sehen Sie hier noch Betonbauern und Naturschänder?« - »Es hat sich sehr gebessert. Die Bauern laden nicht mehr Schutt und Plastik an den geschützten Wasserläufen ab. Eine Spannung bleibt aber bestehen. Sie streuen ihren Mist bis zu fünf Meter an die Wasserläufe. Wir verlangen 100 Meter Abstand.«

Ich überprüfe die unglaublichsten Behauptungen aus dem Buch: »Bezahlt der Hafen wirklich die Gehälter von zwei Natuurpunt-Mitarbeitern?« - »Ja, das stimmt.« - »Wieviele Bauern wurden enteignet?« - »Über 60 Jahre waren das sicher Hunderte.« - »Haben Sie kein Problem damit?« - »Ich finde das krass.« - »Stimmt es, dass Obstbäume gefällt wurden, weil sie in der Flugbahn der zugezogenen Gänse lagen?« - »Das ist möglich.« - »Wird wirklich gezählt, ob die Kreuzkröten-Population am linken Scheldeufer 800 singende Männchen aufweist?« - »Ja. Das ist aber nicht unsere Aufgabe. Das macht eine flämische Behörde, die 200 Leute beschäftigt.« - »Die gehen Kröten zählen? - «Ja.» Gerne würde ich den Kreuzkröten lauschen, die vom Hafen 50 Tümpel finanziert bekamen, doch bin ich zu spät dran. Die Kreuzkröten singen im Frühsommer.

Dhollander nennt das Antwerpener Arrangement zwischen dem Hafen und den Grünen «ein Vorbild, in Hamburg und Le Havre gibt’s immer noch Konflikte». Die Flächen, die der Natuurpunt dem Hafen zur Naturkompensation vorschlägt, sind komplex zu verwalten: Auch innerhalb des Hafens müssen fünf Prozent Natur geschaffen werden, zudem gibt es «Natur auf Zeit». «Der Bau des Deurganckdocks stand 2001 ein Jahr lang still, weil Europa vorschreibt, dass 50 Uferschnepfen aus dem Hafengelände eine neue Heimat zugewiesen werden muss.» Da die angeworbenen Füchse die Eier der Schnepfe fressen, mussten Elektrozäune her. Und die Schleimpilze? «Sind nicht wichtig.» Ohne dass ich fragen muss, seufzt der pensionierte Apotheker auf: «Natürlich ist das alles sehr künstlich.» - «Ist das für einen Naturliebhaber nicht frustrierend? - »Ja. Ja.«

Ich fahre in Richtung Atomkraftwerk Doel, in die kompensierte Natur. Auf dem Weg überrascht mich ein weiteres Mal, dass auch im Kerngebiet der Naturkompensation noch die Landwirtschaft dominiert. Das Programm betrifft insgesamt, in Belgien und den Niederlanden, nur wenige tausend Hektar. Meist sind das kleine, unauffällig verwilderte Flächen direkt unter dem massiven Begrenzungsdamm des Hafens, der mit seinen gewaltigen Kränen und dem Röhren seiner Maschinen zu spüren ist. Der enteignete Weiler Putten etwa führt direkt auf den Hafendamm zu. Verwahrloste, teils aber genutzte Häuser; auf einem zwischen Bäumen aufgehängten Floß steht ein vergammelter Wohnwagen.

Auch die »natuurcompensatie« Prosperpolder grenzt an den Hafen, an eine Front von Lkw-Zugmaschinen. Auf der anderen Straßenseite eine »Beweidungszone«, drei Schafe im Schatten eines Anhängers. Angrenzend landen Brutvögel in einer steppigen Teichlandschaft. Jenseits der Querstraße ein neues, undurchdringliches Dickicht. Jeder kompensierte Flecken wird von der Verwaltungskommission auf Schautafeln erklärt. Und all diese kleinen Stücke Natur sind mit Stacheldraht geschützt.

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