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  • Islamistischer Terror

Der Urknall des Terrors

Die ARD-Dokumentation »Mekka 1979« erzählt eine ganz andere Geschichte des Dschihadismus

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Morgen, an dem die Erde, wie wir sie kennen, ein gänzlich anderer Ort wird, ist wolkenlos und warm. Kurz nach Sonnenaufgang stürzt sich eine Gruppe selbsternannter Gotteskrieger in ein besonders symbolträchtiges Gebäude der menschlichen Zivilisation, richtet ein beispielloses Blutbad an und zeigt der Welt mit letztlich mehr als 1000 Todesopfern größtmögliche Entschlossenheit im Kampf um den mutmaßlich einzig wahren Glauben. Es ist allerdings kein World Trade Center, das die Dschihadisten hier unter Beschuss nehmen. Es ist die Große Moschee von Mekka samt der heiligen Kaaba. Und wir schreiben auch nicht den 11. September 2001, sondern den 20. August 1979 - ein relativ unbekanntes, aber außergewöhnlich einschneidendes Datum.

Dirk van den Berg nennt es den »Urknall des Terrors«. So lautet der Untertitel seiner bemerkenswerten Dokumentation, die 9/11 zur mittelbaren Folge von 8/20 erklärt und beides gewissermaßen zum Ausgangspunkt von 11/13, als der IS vor drei Jahren Paris zum Schlachtfeld seines »Heiligen Krieges« machte. Die Parallelen der bislang folgenreichsten Anschläge fanatischer Muslime, das zeigt van den Bergs »Mekka 1979« in knisternden Originalaufnahmen und historischen Analysen, sind schließlich enorm. Da sie das westlich orientierte Herrscherhaus Saudi-Arabiens als Abtrünnige der reinen Lehre des Islams betrachten, besetzen um 5.25 Uhr mehr als 500 schwer bewaffnete Anhänger des Beduinen-Führers Dschuhainan Al-Utaibi das wichtigste Gebetshaus ihres Glaubens.

Sie postieren auf jedem Minarett Scharfschützen, machen damit rund 100 000 Pilger zu Geiseln und bringen den schwelenden Konflikt um religiöse Deutungshoheit in einer seinerzeit beispiellosen Radikalität ans Licht der Öffentlichkeit. Während der zusehends beiläufig gelebte Islam zuvor noch im Verborgenen erwachte, wird er im Sog der iranischen Revolution neun Monate zuvor nun vollends politisch. Eingekeilt zwischen Ajatollah Chomeinis schiitischem Königssturz im Osten und Gamal Abdel Nassers ägyptischem Nationalismus im Westen, zwischen dem sowjetischen Laizismus im Norden und der kapitalistischen Dekadenz im eigenen Land, bittet die Dynastie der Al Saud ausgerechnet das postkoloniale Frankreich um Hilfe zur Befreiung der Kaaba und macht die Hüter der wichtigsten islamischen Heiligtümer damit zu wirtschaftlich starken, spirituell schwachen Lakaien der vermeintlich Ungläubigen.

Von Terroristen, die Mekkas Große Moschee besetzt hatten, bis zum Künstler, dessen Großvater ihr Gefangener war, vom amerikanischen Ex-Diplomaten, der in Cowboystiefeln vom okzidentalen Durchsetzungsvermögen schwärmt, bis zum arabischen Reporter, der es ins Verhältnis zur militärischen Unfähigkeit seiner Heimat setzt, vom Historiker, der die Angriffe als Ausdruck reiner Machtpolitik definiert, bis zum Archäologen, der ihre Ursachen in der zügigen Säkularisierung des Orients 40 Jahre zuvor erkennt, kommen Zeitzeugen und mehr oder weniger unmittelbar Betroffene der Ereignisse vom August 1979 zu Wort und setzen sie in den globalen Kontext.

Denn 20/8, darüber sind sich alle einig, hat direkt zur Radikalisierung des sunnitischen Wahabitismus und zu Al-Qaida geführt, zu den Golfkriegen und der IS-Strategie des exportierten Terrors. Fast ebenso interessant an »Mekka 1979« ist jedoch die Hauptkonfliktlinie am »Ende der Geschichte«, das der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama nach dem Ende des Ostblocks ausgerufen hatte: Abgesehen von einer populistisch befeuerten Rückkehr der Nation als Gottesersatz, die gerade selbst demokratische Staaten gegeneinander aufbringt, wendet sich der politische Islam ja weniger gegen westliche Antipoden als gegen jene Glaubensbrüder, die ihre Religion angeblich nicht radikal genug leben. Muslime gegen Muslime - folgt man Dirk van den Bergs sehenswertem ARD-Film, verläuft hier seit dem »Urknall des Terrors« eine Front, deren Querschläger bis zu uns fliegen.

ARD, 22.45 Uhr

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