Werbung

Neue Konkurrenz aus dem Kaspischen Meer

Technik gegen Öl und Gas - so lautet die Formel, mit der die deutsche Delegation in Baku punktet

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ilham Alijew trifft auf Angela Merkel. Zunächst scheint vorsichtiges Beschnuppern statt enger Zusammenarbeit angesagt.
Ilham Alijew trifft auf Angela Merkel. Zunächst scheint vorsichtiges Beschnuppern statt enger Zusammenarbeit angesagt.

Baku gilt als Sehnsuchtsort des Ölzeitalters. In Deutschland kursierten schon während des Kaiserreiches in Wirtschaftskreisen Ideen eines »europäischen Großwirtschaftsraums«, der unter deutscher Führung bis in die Ölregion Kaukasus-Baku reichen sollte. Im Zweiten Weltkrieg scheiterte die Umsetzung weitergehender Pläne am Kriegsverlauf.

Ausgelöst hatte diese Sehnsucht die schwedische Familie von Alfred Nobel. Sie gründete im späten 19. Jahrhundert in der Hauptstadt Aserbaidschans eine Ölgesellschaft. Mit grandiosem Erfolg: Um die Jahrhundertwende lieferte Baku die Hälfte des weltweit verbrauchten Erdöls.

Stabil autoritär
Eine NATO-Mitgliedschaft Aserbaidschans steht derzeit nicht an. Mit der EU besteht seit 1995 ein Partnerschaftsabkommen

Infolge der Industrialisierung wurde Erdöl dann als Kraftstoff immer wichtiger. In den USA begann die Ära des John D. Rockefeller und seiner Standard Oil Company - in Baku die der »Ölkönige«. Vom Geschäft profitierten Russen, Armenier und deutsche Ingenieure; exportiert wurde Öl auch nach Deutschland. Aserbaidschaner dienten als Arbeiter auf den sprudelnden Ölfeldern. Der Dauerkonflikt mit dem Nachbarn Armenien hat hier eine seiner Wurzeln.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erreichte auf ihrer Reise durch den Süden des Kaukasus an diesem Wochenende Aserbaidschan. Stärker als in Georgien und Armenien, den ersten Stationen ihrer Reise, galt ihr Interesse hier ökonomischen Themen. Zu Merkels Delegation gehörten auch Vertreter der deutschen Wirtschaft, überwiegend Mittelständler. Besonders interessiert sind Politiker und Unternehmer an zusätzlichen Öl- und Gaslieferungen aus der Region am Kaspischen Meer.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Aserbaidschan vom russischen Stromnetz abgehängt. Die staatliche Förderbank KfW aus Frankfurt am Main finanzierte dann Investitionen in die Stromübertragung. Probleme bereiten heute die Trinkwasser- und Abwassersysteme. Fließendes Wasser soll es nach Reiseberichten oft nur wenige Stunden am Tag geben; Kläranlagen sind selbst in Großstädten wie Ganja marode.

1994 begann die aserbaidschanische Regierung damit, die gewaltigen Erdöl- und Erdgasreserven des Kaspischen Meeres zu erschließen - in Partnerschaft mit westlichen Unternehmen. Erschlossen werden die Felder von Öl-Multis wie BP und Shell. Doch in den Bohrplattformen steckt viel Soft- und Hardware von Mitgliedsfirmen der Gesellschaft für Maritime Technik (GMT) in Hamburg. 2005 lief dann die Förderung in großem Maßstab an und schlug sich lange in hohem Wachstum nieder.

»Seinen wirtschaftlichen Aufschwung verdankt Aserbaidschan seinen großen Erdöl- und Erdgasvorkommen«, berichtet das Büro der deutschen Entwicklungsbank KfW in Baku. Keine Volkswirtschaft wuchs demnach zwischen 2002 und 2008 schneller als die Aserbaidschans. Mittlerweile gehört das Land zu den fünf wichtigsten Rohöllieferanten der Bundesrepublik. Der Marktanteil ist größer als zehn Prozent. »Allerdings ist die Wirtschaft stark von der Öl- und Gasindustrie abhängig.« Deshalb sehe die KfW eine Aufgabe darin, den Finanzsektor zu stärken, um so die Entwicklung kleiner Firmen anzukurbeln.

Aserbaidschan seinerseits sieht in Deutschland »einen seiner wichtigsten Partner in Westeuropa«. So lautet die Einschätzung des Auswärtigen Amtes von Minister Heiko Maas. Wirtschaftlich weit wichtiger sind allerdings die Nachbarn Russland und Türkei. Im Ergebnis stand 2017 ein dickes Außenhandelsplus von fast 5 Milliarden Euro.

In der zuletzt krisengeschüttelten Wirtschaft Aserbaidschans geht es 2018 wieder in kleinen Schritten aufwärts. Dennoch bleiben etwa die Banken angeschlagen, weil sie auf zu vielen faulen Krediten aus der Boom-Ära mit hohen Ölpreisen sitzen.

Wie viele Rohstoffländer schafft es Aserbaidschan nicht wirklich, die Milliarden für seine zehn Millionen Einwohner gewinnbringend einzusetzen. »Das Gros der Bevölkerung kann sich Einkäufe über Grundnahrungsmittel hinaus kaum leisten«, sagt ein Sprecher der deutschen Außenhandelsorganisation GTAI in Bonn. Die offizielle Arbeitslosenquote sei mit gerade einmal fünf Prozent »weit unterzeichnet«.

Als Gründe nennen Beobachter die mangelhafte Infrastruktur, die schwache öffentliche Verwaltung, die starke Korruption sowie die einseitige Ausrichtung der Volkswirtschaft auf Öl und Gas. Beide Sektoren bieten nur wenige Arbeitsplätze.

Robert Nobel, der einstige Begründer des Erdöl-Booms in Aserbaidschan, gilt zugleich als Erfinder der Pipeline. Seine Ölleitungen im Raum Baku waren wohl weltweit die ersten. In Sowjetzeiten wurde eine Verbindung zur Erdölleitung »Druschba« gebaut. 1963 von Walter Ulbricht eröffnet, war sie die Öl-Nabelschnur der DDR, die heute auch den Westen mitversorgt. Die Pipeline läuft über Russland und die Ukraine.

Aserbaidschan gehört als östlicher Anrainerstaat der Europäischen Union seit 2008/2009 zur sogenannten Östlichen Partnerschaft. Erklärtes Ziel der EU-Kommission wie der Bundesregierung ist aber eine weitere Differenzierung der Lieferbeziehungen für Energierohstoffe. Auch, um unabhängiger von Gaslieferungen aus Russland zu werden. Leisten soll dies die von Deutschland unterstützte, 2000 Kilometer lange »Transanatolische Pipeline« durch die Türkei. Seit Juni fließt nun Erdgas aus Baku nach Europa. In Zukunft soll die Gasleitung unter dem Kaspischen Meer bis in eine andere frühere Sowjetrepublik, nach Kasachstan, verlängert werden.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen