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  • Politik
  • Politische Geschichte Spaniens

Ein Land voller Widersprüche

In einem kenntnisreichen Buch setzt sich der Politologe Raul Zelik mit der jüngeren Geschichte Spaniens auseinander

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wie viel wissen Sie über Spanien? Abseits von Sangriakunde und Urlaubsinseln? Wussten Sie, dass der langjährige sozialistische Regierungschef Felipe González Todesschwadronen hat ausbilden lassen, die Jagd auf Mitglieder der baskischen Untergrundorganisation ETA gemacht haben? Dass der spanische Staat eine Stiftung finanziert, die das Andenken des Diktators Francisco Franco bewahren soll? Und diese auch noch den Namen des ehemaligen faschistischen Machthabers trägt? Oder, dass hochrangige Minister der Franco-Ära auch nach dem Übergang zur Demokratie in Amt und Würde blieben, ja sogar Parteien wie die PP gründeten, die in Spanien mehrfach die Regierung stellten?

Das alles wussten Sie? Dann gehören Sie nicht zu jenen Deutschen, denen der Autor Raul Zelik vorwirft, dass sie das Land jahrzehntelang nur als »Sonnenbank« konsumiert hätten und so erstaunlich wenig über die gesellschaftlichen und politischen Realitäten auf der Iberischen Halbinsel Bescheid wissen. Um den Blick auf die spanische Realität fernab von Urlaubstraum und Sehnsuchtsort zu schärfen, hat der Autor jüngst bei Bertz+Fischer eine »politische Geschichte der Gegenwart« des Landes veröffentlicht.

Gegenwart meint dabei die Zeit seit der »Transición« - also der Übergangszeit zwischen dem Tod Francos 1975 und dem politischen Neuanfang von 1982, als die während der Diktatur verbotene sozialistische Partei PSOE als Wahlsieger die neue Regierung stellte. Der Franquismus als antimodernes und autoritäres Projekt fand seine Basis in einer Mischung aus Rechtskatholizismus, spanischem Nationalismus und dem Klasseninteresse bestimmter Teile der traditionellen Eliten. Dass der Übergang aus dieser spezifisch spanischen Variante des Faschismus zu einer Demokratie nach westeuropäischem Vorbild nicht so lupenrein vonstatten ging, wie andere renommierte deutschsprachige Spanienkenner wie etwa Walther L. Bernecker es darstellen, ist eine der zentralen Thesen des Buches.

Zelik zeichnet nach, dass es nicht zu einem wirklichen Bruch mit den franquistischen Eliten gekommen ist, sondern dass diese sich vielmehr durch einen Pakt mit den neuen politisch-demokratischen Kräften in die Post-Franco-Ära hinüber gerettet haben. Und so bis heute das politische Klima prägen. Dass dieser Befund keineswegs abwegig ist, lässt sich aktuell an dem Widerstand gegen den Vorstoß von Spaniens neuem Ministerpräsidenten Pedro Sánchez (PSOE) prüfen, der das Grabmal von Franco, in dem die Gebeine des Diktators liegen, umwidmen will. Das Valle de los Caídos gehört zu den größten neueren Mausoleen der Welt. Der Plan, den Körper des Faschisten zu exhumieren, traf auf die Gegenwehr von Parteien, Militärs und Zivilgesellschaft.

Ein anderer Konflikt, der nicht nur die neuere Geschichte Spaniens prägt, sind die Spannungen zwischen der zentralstaatlichen Regierung in Madrid und den peripheren Bewegungen in Katalonien und im Baskenland. Zelik interpretiert diese Auseinandersetzungen nicht nur als bloßen Nationalitätenkonflikt, sondern stellt auch die sozioökonomischen Hintergründe zur Debatte und macht deutlich, dass der Konflikt sich immer schon auch zwischen einem unterentwickelten und konservativen Zentralstaat sowie einer politisch progressiven und wirtschaftlich prosperierenden Peripherie darstellt.

Eine dritte Konstante, die die politische Gegenwart bis heute prägt, ist in Zeliks Betrachtungen die radikale Demokratiebewegung im spanischen Staat, die sich immer wieder in verschiedener Gestalt manifestiert - als Jugendrevolten gegen die Franco-Diktatur, als Proteste gegen das Treffen der Weltbank 2001 in Barcelona, als Widerstand gegen die Kürzungspolitik und die Folgen der Immobilienkrise, als Platzbesetzungsbewegung, bekannt unter dem Kürzel 15M oder als linke Wahlplattformen, die 2015 die Rathäuser eroberten. Immer wieder schafften es Bewegungen aus der Gesellschaft heraus, das politische Spielbrett in Spanien durcheinanderzuwürfeln.

Wer Zeliks vorheriges Buch »Mit PODEMOS zur demokratischen Revolution?« gelesen hat, dem wird auffallen, dass große Teile des neuen Buches auf dem Vorgänger basieren. Das ist insoweit schade, als dass sich der Text über weite Strecken wiederholt. Es ist aber auch eine von den Stärken des Autors, dass er sich weder vor steilen Thesen fürchtet, noch davor, diese zu revidieren. Während die munizipalistischen Bewegungen um die Bürgermeisterinnen von Madrid und Barcelona zum Beispiel im zuerst publizierten Buch noch gut wegkommen, wird ihnen in der Neuerscheinung ein repräsentatives und administratives Politikverständnis vorgeworfen und in ihnen keine Garantie mehr auf einen politischen Wandel gesehen, den Spanien so nötig hätte.

So ist eine fundierte Analyse auch des Scheiterns der spanischen Bewegungen entstanden, die Zelik mit Sympathie aber auch Kritik begleitet hat. Oft werden linke Bewegungen in Deutschland dann breit rezipiert, wenn sie als projektive Hoffnungsträger das Begehren nach Veränderung auf sich vereinen können. So geschehen im Falle der griechischen SYRIZA und der spanischen Podemos. Nach einer Phase der aufmerksamkeitsökonomischen Hochkonjunktur flacht das Interesse dann ab, sobald der Gegenstand nicht mehr genug revolutionäres Vergnügen weckt.

Dabei lohnt sich eine genaue Analyse des Scheiterns linker Bewegungen. Denn die Gründe dafür sind oft viel komplexer als die in solchen Fällen reflexhaft vorgebrachten Vorwürfe vom »Verrat« und der »Anpassung an das Establishment«. Erst eine kritische und spezifische Bilanz, die auch ökonomische und soziale Faktoren mit einrechnet, birgt die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Eine solche Untersuchung der Unzulänglichkeitengelingt Raul Zelik in seinem neuen Buch über die jüngeren Bewegungen in Spanien.

Raul Zelik: Spanien - Eine politische Geschichte der Gegenwart. Bertz + Fischer, 240 Seiten, Paperback, 14 €.

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