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  • Deutschen Kolonialherrschaft

Womit haben wir das verdient?

Die Rückgabe von Gebeinen kann die Angehörigen der Nama und Herero aus Namibia nicht zufriedenstellen

  • Von Lea Fauth
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Rückführung der Gebeine ohne eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung hält nicht nur Talita Uinuses (M.) für inakzeptabel.
Die Rückführung der Gebeine ohne eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung hält nicht nur Talita Uinuses (M.) für inakzeptabel.

Talita Uinuses weiß nur wenig über ihren Großvater. Dass er 1904 aus Deutschland in das damalige Südwestafrika kam, um den Aufstand der Herero und Nama niederzuhalten und die deutsche Kolonialherrschaft zu bewahren. Uinuses’ Familie vertrieb er von ihrem Landgut, vergewaltigte die Großmutter, die selbst schon Tochter einer von Deutschen vergewaltigten Nama war. Talita Uinuses’ Familie war somit über Generationen eine vaterlose Gemeinschaft - die deutschen Kolonialherren verschwanden wieder, nachdem sie Land und Güter geraubt und Kinder hinterlassen hatten. »Er hat nicht nur sie vergewaltigt, er hat auch Dama-Frauen vergewaltigt, und Herero«, weiß Talita Uinuses über ihren Großvater. Schätzungsweise 70 000 Herero und Nama wurden damals ermordet. Heute bildet die Gemeinde der Nama mit 4,7 Prozent der Bevölkerung eine Minderheit in Namibia, und leidet immer noch unter den Folgen. »Wir Nama sind historisch immer schon Farmer gewesen«, erzählt Uinuses. Mit dem Land habe man ihnen die Lebensgrundlage genommen. Viel geraubtes Land gehöre nach wie vor Deutschen. »Sie kommen nur im Winter nach Namibia, zur Trophäen-Jagd, und dann gehen sie wieder«, führt sie aus.

Talita Uinuses sitzt in ihrem kleinen Zimmer in Prenzlauer Berg. Es ist karg eingerichtet, nur ein Bett und ein Schreibtisch mit Stuhl. Die 52-Jährige lebt erst seit ein paar Monaten in Berlin, hat dank eines Studienplatzes ein Visum bekommen. Sie hofft, dass sie mit dem Abschluss in Namibia bessere Jobchancen bekommt und ihrer Gemeinde so helfen kann. Uinuses singt leise die immer wieder gleichen Worte. »What have we done?« Womit haben wir das verdient, erklärt sie die Bedeutung des Liedes, einer repetitiven Melodie in Dur. »Das war ein Protestlied als wir von den Unterdrückern kolonisiert wurden, wir haben es bei Aufmärschen durch die Straßen gesungen«, sagt sie.

Wenige Tage später, am Morgen des 29. Augst, ertönt das Lied erneut von ihren Lippen - dieses Mal nicht in ihrem Zimmer, sondern im Französischen Dom in Berlin, zusammen mit anderen Nama und Herero. Der Chor erfüllt das Kirchengewölbe. Hier findet heute ein Gottesdienst statt, bei dem die Berliner Charité geraubte menschliche Überreste von Herero und Nama den Nachkommen zurückgibt: Schädel und Knochen, die für Forschungszwecke nach Deutschland gebracht worden waren.

Rund 40 Nama und Herero sind angereist, um sie entgegenzunehmen. Mehr als ein Jahrhundert nach dem Massaker können sie ihre Vorfahren endlich bestatten. »Voller Scham blicken wir zurück auf das Unheil, das von unseren Vorfahren verübt wurde, den Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika«, sagt Klaus J. Burckhardt vom Ökumenischen Rat der Kirchen während des Gottesdienstes. Die Bischöfin Petra Bosse-Huber bittet in ihrer Predigt »aus tiefstem Herzen um Vergebung«. Auch sie spricht das umkämpfte Wort aus - Völkermord. Das Wort, das Historiker bei der Benennung des Massakers schon lange benutzen, und das die Bundesregierung immer vermeiden will, auch wenn das Auswärtige Amt das Geschehen 2015 offiziell als »Völkermord« einstufte. Die Übergabe im Rahmen eines Gottesdienstes sei ihr zwar wichtig und gehe ihr sehr nah, erklärt Talita Uinuses, die selbst gläubige Christin ist. Aber es reicht ihr nicht. »Man kann doch nicht einfach Überreste zurückgeben, Schädel und Knochen - und dann, was dann?«, fragt die Nama- Nachkommin. »Als nächstes sollte man doch sagen: Es tut uns leid.«

Kurz vor dem Gottesdienst hält Talita Uinuses zusammen mit dem Bündnis »Völkermord verjährt nicht« deshalb eine Mahnwache, die eine sofortige Entschuldigung von der Bundesregierung fordert. Wenige Tage vor dem Gottesdienst wurden die Teilnehmer der Mahnwache vom namibischen Botschafter ausgeladen, deshalb stehen sie nun vor der Tür. Offenbar befürchtete man zu viel Aufsehen. 2011 hatte schon einmal eine Gebein-Rückgabe stattgefunden, bei der die damalige Staatssekretärin Cornelia Pieper (FDP) ausgebuht wurde. Die Gebeine waren ohne Zeremonie und Empfang in weißen Pappkartons übergeben worden, als sei die Sache nicht der Rede wert. Ein unwürdiger Umgang mit den Verbrechen der Vergangenheit, fanden viele. Immerhin schien man es dieses Mal besser machen zu wollen.

Doch auch heute sind einige der Anwesenden unzufrieden. Während drinnen der Gottesdienst stattfindet, sitzt der Aktivist Barnabas Veraa Katuuo draußen vor dem Dom. »Die Kirche steckte mit der deutschen Regierung unter einer Decke«, empört er sich. Sie habe damals hungernde und vertriebene Nama und Herero aufgenommen und sie dann an deutsche Soldaten verraten, woraufhin sie in Konzentrationslagern sterben mussten, sagt er. »Wenn es der Kirche leid tut, soll sie dafür sorgen, dass die Bundesregierung das Richtige tut«, sagt er verbittert. Das Richtige - dazu würden neben Anerkennung des Völkermordes und einer offiziellen Entschuldigung unweigerlich auch Reparationszahlungen gehören. Talita Uinuses fügt hinzu: »Ich möchte, dass die ganz gewöhnlichen Deutschen darüber Bescheid wissen.« Darin, sagt sie, bestehe heute ihr Kampf.

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