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  • Kultur
  • Alice-Salomon-Hochschule in Berlin

Dialektik an der Hauswand

Ein neues Gedicht für die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sie hat sich mittlerweile wohl zur bekanntesten Fassade einer Hochschule in der Bundesrepublik entwickelt. Es geht um eine Wand der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin-Hellersdorf.

Bislang war an der Fassade das spanischsprachige Gedicht »avenidas« von Eugen Gomringer zu lesen. Ein offenbar männlicher Beobachter bewundert im Gedicht Alleen, Blumen – und Frauen. Studierende der ASH übten daran heftige Kritik. Es »reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind,« hieß es in einer Erklärung des AStA der Hochschule. Man stelle nicht das Gesamtwerk des Dichters als Vorreiter der Konkreten Poesie infrage, jedoch bezweifle man, ob sich das Gedicht als öffentliches Aushängeschild der ASH eigne – eine Hochschule an der mehrheitlich Frauen lehren und lernen. Gefordert wurde die Umgestaltung der Fassade.

Was folgte, war eine lange Debatte um Sexismus und Kunstfreiheit – eine Debatte, an deren Tiefpunkten die Kulturstaatsministerin Monika Grütters von »Kulturbarbarei« und der Ehrenpräsident der Schriftstellervereinigung PEN Christoph Hein von »barbarischem Schwachsinn« sprach und Aktivist*innen Droh- und Hassmails ertragen mussten. Verrückte Studierende mit Genderwahn würden sich für die Zensur der Kunst einsetzen, so der Tenor des (bürgerlichen) Feuilletons. Ein Elend.

Nun, nach jahrelanger Debatte, öffentlichen Veranstaltungen und Stellungnahmen hatte die Hochschule entschieden, die Fassade künftig alle fünf Jahre neu zu gestalten – und Gedichte von Träger*innen des Alice Salomon Poetik Preises zu präsentieren.

Das aktuelle Gedicht, dass im September an die Fassade angebracht werden soll, stammt von der aktuellen Preisträgerin – die 1959 geborene Barbara Köhler. Sie studierte am Literaturinstitut »Johannes R. Becher« in Leipzig und ist als Lyrikerin und Übersetzerin tätig. Ein zentrales Anliegen ihres Werkes ist es, weibliche Perspektiven in Denken und Grammatik sichtbar zu machen. Ihr Gedicht steht dabei in der Tradition von Gomringers Konkreter Poesie. Die Elemente der Sprache wie Buchstaben, Satzzeichen oder Wörter werden wie Werkzeuge benutzt und aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst. Sie treten den Betrachter*innen »konkret«, d. h. für sich selbst stehend, gegenüber. Es zählt die Realität des sprachlichen Produkts an sich.

Köhlers Gedicht kreist um das Wort SIE. Gleich sechsmal taucht das Wort im achtzeiliges Gedicht auf, das mit den Zeilen »SIE BEWUNDERN SIE BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN« beginnt und mit dem katalanischen Wunsch »BON DIA« und dem englischen »GOOD LUCK« endet.

Dem »admirador«, dem Bewunderer in Gomringers Gedicht folgt nun ein großes SIE. Das Weibliche und das Plurale tritt an die Stelle des Männlichen und des Einzelnen. Das SIE ist aber auch eine Distanzierung, die im Gegensatz steht zum »Du«, dass bei Gomringer implizit angelegt war. Das SIE im Gedicht ist mehrdeutig und kann an verschiedenen Stellen gelesen weren – sowohl aktiv oder passiv. Es endet aber im Aktiv. Es ist ein guter und freundlicher Abschluss des Gedichts und auch der gesamten Debatte. Mit Ruhe betrachtet wurde am Ende über das Gedicht in einem offenen, demokratischen Prozess entschieden; die Zweifel und die Entscheidung, die dies mit sich bringt, sind im Gedicht angesprochen.

Köhlers Gedicht ist vieldeutig. Der Text löst sich ab vom einzelnen Betrachter den Gomringer zentral gestellt hat und wird damit offen und selbstständig. Er passt damit wunderbar als Gedicht, dass sich an den öffentlichen Raum richtet und in diesem auch gelesen wird.

Eugen Gomringer hat inzwischen einer Tafel zugestimmt und diese auch selbst gestaltet, die auf den Sockel der Fassade kommt. Sein Gedicht bleibt also. Auch das ein Zeichen, dass von Zensur keine Rede sein kann. Im Gegenteil, Gomringers Gedicht wurde durch Köhler in bester Weise dialektisch aufgehoben – in allen drei Varianten die Hegel im Sinn hatte: Der kritisierte Sexismus von Gomringer wurde negiert, die Form der Konkreten Poesie aufbewahrt und durch den Fokus auf das Weibliche und Zweifelnde erhöht. Ein guter Entschluss.

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