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Beach-Bodys sind nicht wichtig

Im Kino: «Gay Syria» über schwule Geflüchtete aus Syrien

  • Von Maximilian Schäffer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das einzige Problem ist vielleicht, dass ich dadurch meine Familie verliere. Nur davor habe ich Angst, vor sonst nichts.« Wenn solche Perspektiven als kleineres Übel formuliert werden, ist es nur verständlich, dass Europa zum Sehnsuchtsort wird. Dass Schwule es in den meisten religiösen, noch einmal besonders in islamischen Gesellschaften nicht leicht haben, ist bekannt. In der Causa Syrien kommt zudem ein verheerender Bürgerkrieg mit fanatischer Terrormiliz hinzu. Homosexuelle beschützt dort niemand, sie sind Freiwild. Das Regime unter Baschar al-Assad machte nie Anstalten, gleichgeschlechtliche Liebe zu entkriminalisieren. Ein Anführer der »Freien Syrischen Armee« forderte gar die Gesetzeslage hin zur Kapitalstrafe Steinigung abzuändern, die Ansichten des »Islamischen Staat« zum Thema müssen wohl nicht geschildert werden.

Die eingangs zitierten Worte stammen von Husein (24), der sich seit der Flucht als Friseur in Istanbul verdingt und im Mittelpunkt des Films steht. Mit einer Handvoll Freunde mit ähnlichem Schicksal - lebenslange Erniedrigung, Verfolgung, Vertreibung - organisiert er einen Talent-, respektive Schönheitswettbewerb um den Titel des »Mr. Gay Syria«. Der Gewinner soll als offizieller Kandidat für das Land beim »Mr. Gay World«-Contest auf der Mittelmeerinsel Malta antreten, einer eher fragwürdigen Veranstaltung im Stil der zahlreichen seit den 1950ern etablierten Miss-Wahlen. Kein Araber aus dem Nahen Osten nahm dort je teil.

Am Valentinstag ist es soweit: Striptease, Fetisch- und Bauchtanz, Laientheater. Ein jeder präsentiert sich und seine Kleinkunst so gut wie möglich, Beach-Bodys und Sixpacks sind untergeordnet wichtig - die Syrer haben andere Probleme. Am Ende gewinnt tatsächlich Husein, der einen rührenden Monolog über die paradoxen Schuldgefühle gegenüber seiner Mutter inszeniert. Er spricht den Anwesenden aus den Herzen.

An den Wochenenden hat Husein einen Nebenjob: Er ist Ehemann und Vater. Aus Angst seine kleine Tochter zu verlieren, ist das Coming-Out im familiären Umfeld kein Thema. Der gut gemeinte Spaß mit der Miss-Wahl nimmt allerdings unerwartete Wendungen. Im Weg steht zunächst ein Visum, dann ein abgelehnter Asylantrag, dann die Konfrontation mit der Familie und am Ende bleibt Husein nur noch der Vorschlag: »Flieh doch übers Meer.«

Der türkischen Regisseurin Ayse Toprak ist ein eindrückliches Dokument über Menschen zwischen arabischer und europäischer Welt, Flucht und Ankommen, Hoffnung und Angst, Vergangenheit und Zukunft geglückt. Ihr Film zeigt Menschen, deren Leben in den Gesellschaften aus denen sie stammen weniger wert ist als das eines Straßenköters. Er zeigt auch, wieso sie jedes Recht auf ein friedliches Dasein an einem anderen Ort besitzen; man nennt das »Asyl«. Es geht ums nackte Überleben oder zumindest um das der Würde. Schon alleine deswegen ist dieser Film wichtig. Weil er nicht von dämlichen Talentwettbewerben handelt.

»Gay Syria«, Türkei 2017. Regie: Ayse Toprak. 85 Min.

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