Werbung

»Wildman Steve«

Ein New Yorker futtert sich durch den Central Park

  • Von Johannes Schmitt-Tegge, New York
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Steve Brill ist wieder auf Nahrungssuche. Heute ist er an einem Baumstumpf vor dem New Yorker Central Park fündig geworden. Er pflückt eine Handvoll Dachpilze und sagt: »Wenn ihr eine Suppe oder Eintopf macht oder ein paar schmackhaftere Zutaten dünstet, könnt ihr diese hinzufügen.« Herausragend schmecken die hellbraunen, neben parkenden Autos gewachsenen Pilze nicht, aber sie sind essbar - wie ziemlich alles, was Brill in den Parks der Stadt sammelt.

Steve Brill ist Naturliebhaber, Welterklärer und Hobbykoch, eine Mischung aus amerikanischem Peter Lustig und Lieblingslehrer aus der Grundschule. Mit Tropenhelm, erdtonfarbener Funktionskleidung, Wanderrucksack und Rundspaten vermutet man ihn eher auf einer Expedition in tropischen Vegetationszonen. Aber der 69-Jährige führt durch städtische Parks und zeigt Bewohnern des Großstadtdschungels, was in der Metropole für essbare Schätze sprießen. Die Touren laufen seit Anfang der 1980er, zudem hat Brill mehrere Pflanzen- und Kochbücher geschrieben und eine App zur Erkennung wilder Pflanzen entwickelt. »Wildman Steve« nennt er sich, der »wilde Mann«.

Brills Gruppe muss nicht lange suchen. Wenige Schritte vom Treffpunkt im Central Park entfernt wächst die mit Rucola verwandte Virginische Kresse - wegen ihres scharfen Geschmacks »Poor Man’s Pepper« genannt. Arme Menschen nutzten den »Arme-Leute-Pfeffer« im 15. Jahrhundert, um verdorbenes Essen halbwegs genießbar zu machen, erklärt Brill. In Salaten oder zum Kochen mit Kartoffeln und Pasta sei der Kreuzblütler gut, mit Essig, Misosoße und Estragon könne man mit den Samen im Mixer sogar Senf herstellen. Dann schickt er sie los, den Hügel hinauf: »Bedient euch! Lasst die Wurzeln stecken, diese wachsen nach.« Mit Plastiktüten schleichen sie am Gebüsch entlang und rupfen grüne Stiele aus. Bald haben einige auch Blätter der als Heilpflanze bekannten Wegmalve (Tee), weißen Gänsefuß (passt gut mit Reis und Spinat) und den nach Zitrone schmeckenden Sauerklee gesammelt. »Ich hätte nie gedacht, dass ich Pflanzen mit Zitronen- und Pfeffergeschmack finden kann«, sagt eine Teilnehmerin. »Es gibt sie tonnenweise«, sagt Brill. »So ernährten sich die Menschen, bevor es Supermärkte und Bauernhöfe gab.« Himbeeren und Brombeeren sollen auch bald reif sein.

Brills Touren liefen nicht immer so harmonisch ab, denn gesetzlich ist es verboten, Pflanzen aus den Parks mitzunehmen. 1986 nahmen zwei Parkbeamte in Zivil an der Führung teil und ließen Brill in Handschellen abführen, nachdem er Löwenzahn gepflückt und gegessen hatte. »Park verpasst Krautexperten Maulkorb«, schrieb die »New York Daily News«. Der damalige Parkbeauftragte Henry Stern habe sich nicht mit der Idee anfreunden können, dass jemand »unsere Parks isst«. Das Foto seiner Fingerabdrücke nach der Festnahme hat Brill auf seine Website gestellt.

Den Gedanken, dass ein paar gezupfte Kräuter der Grünanlage schaden, hält Brill für absurd. Die Maschinen der Parkbeamten seien viel stärker. Er wecke in den Menschen - darunter viele Kinder und Schulklassen - Verständnis für Naturschutz. »Die Luft, die Atmosphäre, die Meere, da liegen die Probleme«, sagt Brill. Je mehr Touren er anbiete, desto mehr Menschen könnten der natur- und klimafeindlichen Politik von Präsident Donald Trump etwas entgegensetzen.

Den erzieherischen Mehrwert seiner Führungen - oder das »PR-Fiasko« der Festnahme, wie Brill sagt - erkannte wohl auch die Parkbehörde. Sie ließ die Anzeige fallen und stellte ihn über vier Jahre als Pflanzenerklärer an. Heute gehören Gemeindegärten und Kurse zu Natur und Pflanzenwelt fest zum Freizeitprogramm in New York. Die Farm »Brooklyn Grange« baut auf zwei Dächern jährlich 22 Tonnen Lebensmittel an, auf dem schwimmenden Gemüsegarten »Swale« werden auf einem 25 Meter langen Lastkahn Obst, Gemüse und Gewürze angebaut. Beide bieten Workshops und Programme an.

Die Chinesin Lily gehört zu Brills Stammgästen. »Ich habe seine App, aber manchmal muss ich mein Wissen auffrischen.« Was sie mit Brill finde, werde auch in der chinesischen Küche genutzt. Als die Gruppe vor einem Klettenstrauch stoppt und Brill mit dem Spaten die Wurzel freilegt, geht Lily mit der Nagelschere ans Werk - die Wurzel ist als Zutat in der japanischen Küche bekannt. Brill hat sie gedünstet, in Apfelsaft, Weinessig, Sojasoße und Olivenöl mit Knoblauch und Lorbeer eingelegt und daraus veganes Trockenfleisch gemacht. Er verteilt Proben aus einer Tupperdose, die braunen Streifen schmecken köstlich.

Brills Tochter Violet tritt schon jetzt in die Fußstapfen des Vaters. Bereits im Alter von zwei Monaten sei sie mit auf seinen Touren gewesen, sagt die 14-Jährige - »so wie andere damit aufwachsen, zum Supermarkt zu gehen«. Ihre Freunde würden nicht so viel Zeit im Freien verbringen, die seien eher mit »ihren Geräten und sozialen Netzwerken« beschäftigt. In ihrem Beruf will sie später etwas für die Umwelt tun und dabei so viel Zeit wie möglich in der Natur verbringen. Oder, wie der »Wildman« zu Anrufern auf seiner Mailbox ruft: »Wir sehen uns im Feld!« dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen