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Schweben, Taktieren und Tasten

Erregend und empfindsam: »Verwirrnis« - der neue Roman von Christoph Hein über schwule Liebe in der frühen DDR

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Es gibt Leute, die haben bei Welterklärungen auf eine Weise recht, dass man fürchten muss, sie könnten irre werden am ständigen Durchblick. Ihr Bewusstsein trägt Allwetterkleidung. An ihrem Denken klebt eine Vignette: Dauerstellplatz auf der richtigen Seite. Nichts von geistig abschüssiger Abenteuerlichkeit. Christoph Hein gehörte schon in DDR-Zeiten zu den Schriftstellern, die um diese vermeintlich richtige Seite einen großen Bogen schlugen. Dort lebt nichts und dort hat Erinnerung keinen Sinn. Sie funktioniert nur, wenn man sie als Arbeit begreift. Diese Arbeit besteht in der Annahme dessen, was man niemals so wiederbekommt, wie man es erlebt hat. Deutsche Geschichte: Was einzig zählt, ist die Steinbruchrechnung; gültige Urteile spricht lediglich das Scherbengericht.

Menschenzustand immerdar: »Verwirrnis«. Das ist der ehrlichste Zustand und der Titel des neuen Romans von Christoph Hein. Es ist die Geschichte von Friedeward Ringeling. Er und sein Freund Wolfgang in der frühen DDR leben eine verbotene Liebe im Schatten der Normierer und Wächter. Zuvörderst ist eine Bindung im Leuchten der Freuden. Ostseeurlaub am FKK. Überschreitungslust, die freilich stets auch an der Überschreitungsscham siedelt. Rundum Denunziationsfleiß, Polizei und Anklagehysterie. Schließlich die List der Scheinverlobung, die Not einer trickreichen wie zehrenden Doppelexistenz. Tricks der Solidarität zwischen Schwulen und Lesben - Hein erzählt das mit Schmerz und keckem Fürwitz. Und ohne jede Beschönigung: Verhängnisse klopfen an, wo solche Außenseiterschaft als »eine himmelschreiende Sünde« gilt.

Das Erzählpanorama, in dem sich Friedeward bewegt ist das Eichsfeld, wo »selbst die Parteisekretäre katholisch sind«; an Jenas Universität gibt es dann Philosophie SED-hausgemacht: »Rotlichtbestrahlung«; in Leipzig dagegen »Goethe höchstselbst« und »Hegel auf Erden« - die legendären Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch als Hoffnungsgeister. Kultur nicht als Summe dessen, was man weiß, sondern als Umwandlung dessen, was man weiß, in Haltung. Die wahre Universität: »Hier wurden die Rätsel der Welt nicht gelöst, sondern eher als ebenso dringliche wie unlösbare Aufgaben benannt.« Es sind Lehrer, denen der neue Staat auf sehr spezielle Weise Größe bescheinigt: Er treibt sie aus dem Land. Ein Gleichnis auf die ehrenwerteste, prüfendste Dialektik: Dem Charakter gelingt die Anpassung nicht, dem Staat nicht die Gleichschaltung. Und in Nachbarschaft dieser Beobachtung der trefflich-lakonische Bittersatz über einen eisern-blöden Sozialismus: »Es kann nicht gutgehen.«

Von anmutiger Feingeistigkeit ist die Jungen-Liebe, unbarmherzig der Außendruck, von eindringlicher Spannung Friedewards und Wolfgangs Taktieren und Tasten zwischen Ost und West, zwischen Familie und Flucht, zwischen Bekennen und Beschwichtigen. Beklemmend sind die Ängste, befreiend die Gespräche über Kunst. Dichtung und Musik: so dringlich für den Kreisschluss von Wert und Kraft. Thomas Manns »Tonio Kröger« und Robert Musils »Verwirrungen des Zöglings Törleß«: Literatur der »schlanken Knabenkörper«. Für Friedewards Vater sind das »Schweinereien« und »widerlicher Dreck«, der zur privaten Bücherverbrennung im heimischen Garten führt. »Die Nazijahre waren ja schlimm, aber so etwas gab es damals nicht.« Die beliebte deutsche Relativitätsleere.

Als Friedeward und Wolfgang, die Unverstandenen, aus Verzweiflung ein gemeinsames Sterben träumen, sind es ausgerechnet die verrostenden alten Naziwaffen in den Wäldern von Heiligenstadt, die ihnen in den Sinn kommen. Die finstere Vergangenheit als möglicher Helfer gegen das Verzweifeln am vermeintlich neuen Leben. Friedeward wird zum Ehemann - und ein lebenslang einsamer Mensch. Der sich geltendem Maß ausliefert, um sich nicht preiszugeben. Der sich immerwährend unfrei fühlt. »›Ich bin schuldig geworden, Vater‹, sprach er mehrmals am Tag laut vor sich hin und wusste dabei selbst nicht recht, ob er seinen Vater Pius Ringeling oder den himmlischen Vater ansprach.«

Dieser Pius Ringeling ist ein Christ - und ein Lehrer Gnadenlos. Züchtigt seine zwei Söhne mit dem ledernen »Siebenstriemer« und fragt nach jeder Strafe, wem die Schläge am meisten wehtaten. Die Antwort ist vorgeschrieben: »Dir, Vater!« Ringeling, ein Mann mit Eisenseele und Stahlgefühlen - sein ältester Sohn geht lieber als Namensgetilgter zur Wismut, als einen Tag länger solchem Vater zugehörig zu sein. Dieser Lehrer in der antifaschistischen Nachkriegsordnung verteidigt seine Prügelhärte mit dem Verweis auf die eigene Erziehung: Daheim geschlagen zu werden, hat ihm einst die Angst vor der Gewalt der Nazis genommen - so hat er deren Lockungen widerstanden, so ist er innerlich autark geblieben, so kam es, dass am Kriegsende ein US-Militär vor ihm salutierte und ein sowjetischer Offizier ihm die Hand gab. Gelobt sei, was uns hart macht? Furchtbar.

Das Leben in der Nachkriegsordnung. Aufatmen. Frieden. Waffenlosigkeit als eine philosophische Kategorie wie die Freundlichkeit. Aber doch bald wieder die alte Erfahrung: Kein Welterklärungssystem, kein historisches Gesetz und keine kritische Theorie spenden jenen Trost, für den sie angeschafft wurden. Deterministische Parteigier schafft den Einzelnen ab, beschneidet die Freiheitsräume. Von trotziger Freiheit aber erzählt dies Buch: Was an die Welt bindet, befreit immer auch von Welt. So kommt man ins Schweben - über einem Boden, der einen freilich nicht aus jener bleibenden Gefahr entlässt, immer auch hinab- und nur hinabgezogen zu werden.

Friedeward und Wolfgang: eine Findungs-, eine Trennungsgeschichte. Ersterer wird Germanist im Osten, der andere Kirchenmusiker im Westen. Der eine lebt immer hinter privaten Schutzschichten, der andere geht mit seiner »Neigung« weit freier um. Der Mauerbau trennt die innigen Freunde. Nach 1989 dann im Osten die Landnahme durch westdeutschen Siegeseifer - dem entzieht sich Friedeward, als er an Leipzigs Universität Opfer einer rigide aufräumenden Hochschul-»Reform« zu werden droht. Entzieht sich dem in einem letzten, tragischen Akt von Würde. Ein Leben lang verhüllte er sich, nun soll er sich gewissermaßen freikaufen? Soll er, weil er als Homosexueller von der Stasi als IM erpresst worden war, seine Lebensart öffentlich machen, das Opfer hervorkehren? Nein. Wer sich achtet, schweigt im Jahrmarktslärm.

Christoph Hein verwendet alle erfinderische Genauigkeit darauf, Geschehnisse nicht mit einer vorgezogenen, gestülpten Bedeutung zu belasten. Spröde, heißt es, sei sein Werk. Anders gesagt: Ich falle als Leser durch die Maschen aller schönen Netze und finde mich auf keinem Grund zusammen. Ja, da ist nichts Gleißendes. Heins Welt ist nicht aufgeräumt durch jenen Kunstverstand, der immer was zum Abklopfen haben will. Dieser Autor macht aus Realität nichts, was nicht aus ihr entstünde - natürlich ist das kein Selbstlauf, sondern ein trickreiches Verfahren. Hein praktiziert es hochvermögend: Die Welt löst sich bei diesem Schriftsteller nicht auf in Kaskaden von Empfindungen, sondern alles wird aufs Strengste kultiviert und in ein Werkzeug zur Beobachtung von Wirklichkeit verwandelt, in eine Wahrheit hinter den Mustermessen der Deutungsbranchen. Und so entfaltet sich die Größe dieser Literatur: Es gibt eine Gemessenheit, die doch heftigst ausschlägt; es gibt eine Wahrnehmungspräzision, deren gleichmäßiger Puls doch ein Beben erzählt.

Dass dieser Schriftsteller auf Ausschmückung und Arabeske verzichtet, ist zuallererst Konzentration - und zwar auf das, was hinter jeder kühlen Chronik entdeckenswert ist: die Phänomene der Unvereinbarkeit zwischen Leben und Erkenntnis. Hein hat ein berührendes, bohrendes Buch geschrieben über das Primat der Ethik, über ein Gebot des Bürgerlichen: Sinn für individuellen Rang. Wenn der Roman mit dem Satz beginnt: »Friedeward Ringeling war ein Original, ein kostbares Relikt aus der Welt der Großmütter, der Kutschen und Hauskonzerte«, so ist das eine Feier jener bürgerlichen Individualität, die (einst?!) lebenslange Anstrengung bedeutete, Persönlichkeit und geltende gesellschaftliche Norm als Einheit zu träumen. Ein Träumen dorthin, wo man leben darf in Berührung mit dem Sirren der Sirenen aus Frühe und raunendem Nochfrüher. Du vernimmst - in Zeiten der Elitenverachtung - Töne eines Utopisten im rückwärtigen Dienst: Vergangenheitsgelüst als Aufruf dessen, was wir als ewigen Haushalt der Erinnerungswürde in uns tragen.

Das Buch endet mit einem Tod - und besingt doch wunderbar das Leben! Lesen wie ein Heiterkeitsempfinden: Wer sich gegen die Welt nicht wehrt, empfindet sie nicht.

Christoph Hein: Verwirrnis. Suhrkamp Verlag, 303 S., geb., 22 €.

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