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Maurice Carter (1953)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 2 Min.

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Maurice Carter (1953)

Von dort, wo er lag, auf der Liege des Ateliers, sah er die grünen Hügel der Dandenongs nicht und nicht die Stämme der Eukalyptusbäume, die weiß in der Sonne glänzten. Seit frühester Jugend war Maurice Carter gelähmt, konnte den rechten Arm nicht rühren, auch nicht die rechte Schulter, und wenn er, wie jetzt, ausgestreckt lag, vermochte er kaum den Kopf zu heben. Es war ein Wunder, dass er sich mit der Zeit zu seinem Sehnsuchtsberuf durchgerungen, er auf dem Rücken liegend mit der linken Hand zu malen gelernt hatte, wobei er die gerahmte Leinwand, die hinter seinem Kopf auf der Staffelei stand, nur dank eines Spiegels im Blick halten konnte.

An diesem Nachmittag in Melbourne war er dabei ein Bild zu vollenden, an dem er lange gearbeitet hatte - das einer Aborigine-Mutter, einer Schwarzen im Outback, die ihr Baby schützend an der Brust hält. Weit ab im Hintergrund der rotbraunen, von der Sonne ausgedörrten Landschaft ist ein berittener Gendarm zu sehen, der eine Peitsche schwingend eine Schar Aborigines bedroht. Vertreibung im Norden hatte der Maurice Carter das Bild genannt, und es brauchte nur noch wenige Striche.

Als die getan waren, bat er mich den Pinsel in die Büchse mit der Lösung zu stellen - er wirkte müde, sein Gesicht war blass, Strähnen seines Haars klebten an der Stirn. Er lächelte schwach, als ich ihm sagte, dies sei eine seiner stärksten Arbeiten.« »Nur zu spät, zu spät!«, erwiderte er. Ich sah ihn an. »Stalin ist tot«, sagte er. Ich fragte mich, wo da ein Zusammenhang war. Hinter den Hügeln der Dandenongs, auf die das Atelierfenster blicken ließ, war die Sonne im Schwinden. Die Mutter mit dem Baby wirkte dunkler jetzt, fast schwarz, der Gendarm im Hintergrund bedrohlicher, die Schar, die er vor sich her trieb, wirkte geduckter. Es war, als ächzten sie unter den Hieben. »Das Bild war Stalin gewidmet«, sagte Maurice, »dem Vater aller Völker - nun ist er tot.«

Ich schwieg, nicht zuletzt auch, weil Maurice Carter auf Geheiß Stalins von der sowjetischen Akademie der Künste ausgezeichnet worden war. Der Preis hatte ihm viel Auftrieb gegeben. Wie sollte ich ihm da sagen, was mir zu dem toten Stalin noch alles durch den Kopf ging ...

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