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Ich weiß nicht, was tun

Der Film »Styx« lässt uns mit der Frage zurück, was von dem vielbeschworenen Europa der Menschenwürde zu halten ist

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seglerin oder Seenotretterin? Rike (Susanne Wolff) sieht sich in »Styx« mit der Bürokratie, Inhumanität und dem Rassismus Europas konfrontiert.
Seglerin oder Seenotretterin? Rike (Susanne Wolff) sieht sich in »Styx« mit der Bürokratie, Inhumanität und dem Rassismus Europas konfrontiert.

Ein stilles Kammerspiel auf hoher See: eine Frau, 40 Jahre alt, Rike, von Beruf Ärztin, allein auf einer kleinen Segelyacht.

Am Anfang sehen wir sie ihr Boot auf Gibraltar mit Nahrungsmitteln beladen und mit der notwendigen Ausrüstung für eine längere Reise auf dem offenen Meer. Wir betrachten sie bei alltäglichen Verrichtungen, denen sie ebenso stumm wie konzentriert nachgeht: die Bedienung des Steuers und der Segel, die Vorbereitungen für das bevorstehende Unwetter, das Dösen in der Sonne, ein kurzes Bad im Meer.

Der Film beginnt wie eine Studie über das Verhältnis des einzelnen Menschen zu den unberechenbaren Kräften der Natur: der Lärm des nächtlichen Sturms, die peitschende Gischt, der sinnlose Regen, das unübersichtliche wogende Meer, die rätselhafte Stille des Atlantiks nach dem Unwetter, mittendrin Rike, das selbstbewusste emanzipierte vernunftbegabte menschliche Wesen auf seiner Nussschale von Segelyacht - der Mensch gegen die Naturgewalt und ihre Vernunftlosigkeit.

Rike ist auf dem Weg zur abgelegenen kleinen Atlantikinsel Ascension. Dorthin will sie. Abends blättert sie unter Deck in einem großformatigen Bildband, dessen Fotos eine ebenso lebhafte wie farbenfrohe Vegetation zeigen - Ascension. Charles Darwin, der im 19. Jahrhundert aus der kargen tropischen Insel eine Art künstliche Oase machen wollte, hatte Erfolg. Heute ist die Insel kein kahler Fels mehr, sondern ein Landstück, auf dem Pflanzen aus verschiedenen Regionen der Erde ein einmaliges Ökosystem bilden.

Doch worauf Rike bei ihrer Reise stößt, ist vorerst nicht das von ihr ersehnte Eiland der Naturwunder, sondern ein havariertes und sichtlich überfülltes Fischerboot, das in Sichtweite richtungslos auf dem Meer treibt. Schreie und Hilferufe ertönen von dort. Denn die Menschen auf dem Kutter, Flüchtlinge, hungern, sind dehydriert, sind krank, sterben.

Rike, zu deren Beruf die Rettung von Menschen gehört und die im Angesicht menschlichen Leids und Sterbens den einst natürlichen Impuls des Helfens verspürt, tut, was sie für geboten hält: Sie ruft per Funk die Küstenwache, die sich die Situation zunächst schildern lässt, um dann zu behaupten, man sei auf dem Weg und des weiteren Rike die Weisung einbläut, sich dem mit Sterbenden beladenen Fischerboot keinesfalls zu nähern und keinesfalls in die »Situation« zu intervenieren. Doch es kommt keine Küstenwache. Jetzt nicht und auch später nicht.

Auch der Kapitän eines anderen Schiffs, das Rike anfunkt, will mit den hilflos auf dem Meer Treibenden nichts zu tun haben: »Leider hat unsere Firma strikte Vorgaben für solche Fälle.« Darauf Rike: »Diese Leute werden sterben.« Dann wieder der Kapitän: »Ich kann meinen Job nicht aufs Spiel setzen.«

Nicht mehr die Kräfte der vernunftlosen Natur sind es nun, gegen die Rike angeht, sondern die Kräfte der vernunftlosen Politik und Bürokratie: Vorschriften, absurde gesetzliche Regelungen, ungeklärte Verantwortlichkeiten, Inhumanität als gültiges Rechtsprinzip sowie der Rassismus und die Menschenfeindlichkeit eines sich selbst mehr und mehr verpolizeistaatlichenden Europas.

Einmal sagt Rike, die nicht verstehen kann, warum die Rettung von Menschenleben keine Selbstverständlichkeit mehr ist, sobald es sich bei den Menschen um Flüchtlinge handelt, als überflüssig erachtetes Menschenmaterial also, zu ihrem einzigen Passagier, einem Jungen, den sie vor dem Ertrinken bewahrt und auf ihre Yacht gerettet hat: »Ich habe keine Antworten, weiß nicht, was tun.«

Das gibt es nicht oft: ein deutscher Film, der nicht lieblos heruntergekurbelt wurde wie eine ZDF-Vorabendserie und von dem man nicht mit schlecht erfundenen Standarddialogen zugequatscht wird, die aus den Mündern minderbegabter Schauspieler kommen, die ihren Mangel an Talent durch demonstratives Overacting zu kompensieren suchen. »Styx« ist Beispiel dafür, wie ganz anders es gehen kann: Susanne Wolff, die Hauptdarstellerin, schauspielert sich virtuos durch einen nahezu dialoglosen Film, der sich mit unserer unmittelbaren Gegenwart und mit der Frage, was uns zu Menschen macht, auseinandersetzt. Der sich zu einer Haltung bekennt und dabei nicht den Fehler begeht, ins Appellative, den Kitsch oder ins Pathos zu gleiten.

Und der uns mit der Frage zurücklässt, was von dem vielbeschworenen Europa der Freiheit und Menschenwürde zu halten ist, wenn diese Wörter nur noch leere Worthülsen sind.

Es gelingt diesem stillen und gänzlich unsentimentalen Film, eine Parabel auf den mittlerweile ganz Europa beherrschenden Geist der Unmenschlichkeit zu sein. »Styx« heißt in der griechischen Mythologie der Fluss, der die Welt der Lebenden vom Totenreich trennt - sein Wasser soll giftig sein.

»Styx«. Deutschland, Österreich 2018. Regie: Wolfgang Fischer. Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel. Darsteller: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Felicity Babao, 94 Minuten.

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