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Alle außer Lehman Brothers

In den USA ranken sich Mythen und Fakten um die Pleite im Herbst 2008 und die Bankenrettungen

  • Von John Dyer, Boston
  • Lesedauer: 5 Min.

Als Lehman Brothers am 15. September 2008 Konkurs anmeldete, war sie die viertgrößte Investmentbank der USA. Um den Zusammenbruch der 158 Jahre alten New Yorker Firma ranken sich ähnlich viele Mythen wie um andere monumentale Ereignisse in den USA aus den vergangenen Jahrzehnten: die Wahlen von 2000, als der Oberste Gerichtshof über die Präsidentschaft entschied, die Anschläge vom 11. September, als eine Handvoll Terroristen ein extrem hochgerüstetes Militär überlistete, und die Invasion in Irak unter einem Vorwand, der sich als völlig falsch herausstellte.

Lehmans Ende, die größte Firmenpleite in der US-Geschichte, war insofern mysteriös, als die Bundesregierung fünf Monate zuvor der ebenfalls strauchelnden Investmentbank Bear Stearns aus der Patsche half und einen Tag nach Lehmans Insolvenzantrag den Versicherer American International Group mit einem Notkredit und der Verstaatlichung rettete. Bis heute wird darüber gerätselt, warum man Lehman Brothers fallen ließ. Seinerzeit wurde angenommen, dass die drei für die Bankenaufsicht zuständigen Männer - der Chef der Notenbank Fed, Ben Bernanke, der politisch gut vernetzte Gouverneur der für die Wall Street zuständigen Fed-Filiale in New York, Timothy Geithner, und US-Finanzminister Henry Paulson - nicht damit rechneten, dass der Zusammenbruch der Investmentbank eine derartige Wirtschaftskrise auslösen würde. Oder aber sie wollten die politischen Folgen einer weiteren, äußerst unpopulären Bankenrettung unbedingt vermeiden. Dies zumindest geht aus dem E-Mail-Verkehr zwischen Ministerium und Fed hervor, der im Rahmen einer Untersuchungskommission des Kongresses publik wurde.

Bernanke, Geithner und Paulson selbst warteten mit einer gänzlich anderen Erklärung auf: Lehman habe nicht über ausreichende Sicherheiten und Vermögenswerte verfügt, die eine Rettungsaktion nach US-Recht gerechtfertigt hätten. Nur dann dürfe die Regierung Unternehmen retten, um nicht Steuergelder in den Sand zu setzen.

Inzwischen stellen Ökonomen diese Darstellung in Frage. Demnach habe Lehman zwar wie viele andere Banken eine vorübergehende Liquiditätskrise gehabt, mittel- bis langfristig aber über ausreichende Vermögenswerte verfügt. Anderen Finanzinstituten wie Goldman Sachs und Bank of America habe die Fed toxische Wertpapiere abgekauft, diese quasi als Vermögenswerte angesehen. »Die Wahrheit ist, dass Lehmans Scheitern hätte vermieden werden können«, schreibt Laurence Ball, Ökonom an der Johns Hopkins University, in seinem neuen Buch »The Fed and Lehman Brothers: Die Aufzeichnung einer finanziellen Katastrophe«.

Wir werden vielleicht nie erfahren, warum ausgerechnet Lehman fiel und andere Banken nicht. Aber wir wissen, wie die Politik reagiert hat. Eine gewichtige Rolle bei der Stabilisierung des Finanzsystems hatte die Fed mit der Politik der »quantitativen Lockerung«. Doch die Flutung der Märkte mit billigem Zentralbankgeld wirft auch Fragen auf. Die fast zinslosen Kredite der Fed an Banken erlaubten es diesen, erneut viel Geld an normale Amerikaner mit Gewinn zu verleihen.

Im November 2008 wurde Barack Obama auf einer Welle der Hoffnung zum Präsidenten gewählt. Die Demokraten errangen auch die Mehrheit im Kongress. Obama und seine Verbündeten starteten ein Konjunkturprogramm in Höhe von 830 Milliarden US-Dollar und unterstützten die kriselnden Detroiter Autohersteller. Aber in einer Multi-Billionen-Dollar-Wirtschaft waren die Impulse viel zu gering. Neun Millionen Menschen hatten ihren Arbeitsplatz, Millionen ihr Zuhause verloren. In einem Land, in dem Rentner auch auf marktgebundene Investmentkonten angewiesen sind, mussten viele ältere Menschen zusehen, wie ihre Lebensersparnisse in Rauch aufgingen.

Immerhin gelang es, den krisenbedingten Rückgang der Wirtschaftstätigkeit wieder aufzufangen. Keynesianische Anreize haben in anglophonen Ländern aber einen schlechten Ruf. Nur wenige US-Amerikaner stimmten damals oder stimmen heute zu, dass man einer privaten Schuldenkrise mit öffentlichen Ausgaben, die das Staatsdefizit vergrößern, begegnen sollte.

Positiver kamen dagegen die zahlreichen Finanzreformen aus dem Dodd-Frank-Act an. Diese sahen eine strengere Regulierung der Banken, die Einschränkung riskanter Investitionen und die Erhöhung der Kapitalpolster für Krisenzeiten vor. Als die Republikaner 2010 den Kongress übernahmen, begannen sie, einzelne Reformen wieder rückgängig zu machen. Sie demontierten das neu geschaffene Consumer Finance Protection Bureau, das Verbraucher vor riskanten Krediten schützen soll. Unter Präsident Donald Trump wurden zudem die Eigenkapitalanforderungen für Großbanken etwas reduziert. Zudem soll die sogenannte Volcker-Regel gelockert werden, die es den Banken verbietet, mit eigenen Mitteln zu spekulieren, was ein Schlüsselfaktor der Finanzkrise war.

Letztlich hat aber auch Obama die Kultur der Wall Street nicht wirklich verändert. Kein einziger Banker kam im Zusammenhang mit der Finanzkrise ins Gefängnis. Stattdessen verließen die Bankchefs nach dem ersten Treffen mit dem neu gewählten Präsidenten im Jahr 2009 das Weiße Haus »lächelnd«, wie Teilnehmer schilderten. »Ich habe das Gefühl, dass wir alle zusammen in dieser Sache stecken«, sagte Citigroup-Chef Vikram Pandit. Nur Lehman war nicht mehr mit dabei.

Kürzlich schrieben Bernanke, Geithner und Paulson in der »New York Times« gemeinsam einen Artikel, in dem sie ihre Rettungspolitik rechtfertigten. Demnach seien riskante Kredite nur eine Ursache der Krise gewesen. Auch habe die schlechte gesamtwirtschaftliche Lage Druck auf das Familieneinkommen ausgeübt. »Der Wunsch, den relativen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, hat zweifellos zu einem Anstieg der Kreditaufnahme der Haushalte vor der Krise beigetragen.« Merkwürdigerweise fordern sie in ihrem Artikel keine Maßnahmen, um diese Probleme endlich anzugehen, obwohl die Löhne im Verhältnis zur Inflation weiter gesunken sind, die Produktivität nicht signifikant gestiegen ist und die Verschuldung nach einer Zeit der Sparpolitik wieder zunimmt. Stattdessen schließen sie mit den Worten, dass ihre Maßnahmen dazu beitragen würden, eine neue Krise zu vermeiden.

Dabei führte ihre Politik zu einer weiteren Krise: Sie verstärkte die Welle der Wut auf politische Eliten, die letztlich zur Wahl Trumps zum Präsidenten der USA führte.

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