Werbung

Bunte Republik in Schwarz-Weiß

In der Galerie Bernau sind die Arbeiten des DDR-Fotojournalisten Ulrich Burchert zu sehen

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die DDR war bunt, sogar in Schwarz-Weiß. Ulrich Burchert hat dies immer wieder gezeigt, mit Fotos für Junge Welt und Sonntag, NBI und Für Dich. Gesammelt sind sie im letzten Jahr im Bildband Bunte DDR: Bilder aus einem lebendigen Land herausgekommen. Das, was Burchert noch nicht veröffentlicht hat, aus den fernen Zeiten der DDR - wie sie aus der Zeit des Umbruchs nach dem Jahr 1989 -, zeigt jetzt die Ausstellung »Momente der Zeiten« in der Galerie Bernau.

Auch hier sind die Bilder nur in Schwarz-Weiß-Tönen zu sehen. Farbig, weil abwechslungsreich, weil anders als monoton. Denn Burchert fängt ganz besondere Momente ein, etwa einen Autobahnstau im Jahr 1985. Fahrzeuge der Marken Trabant und Wartburg stehen auf der Autobahn. Die Türen sind offen, die Fahrer sind ausgestiegen und unterhalten sich wahrscheinlich über diese besondere Form des Stillstands. Wer erinnert sich noch daran, dass auch es gab: Rush hour und Stau im Autoanmeldungswarteland DDR?

Was es nicht mehr gibt, hat Burchert ebenfalls eingefangen: Bilder aus der Produktion. Auf einem Foto ist ein Mann im Kabelwerk Oberspree zu sehen, wie er vor einem von einer riesigen Rolle kommenden Kabel sitzt. Streng ist seine Miene. Gilt die Strenge dem Kabel? Den Kollegen? Dem störenden Fotografen? Man erfährt es nicht. Aber man wirft noch Blicke auf eine Industrieinfrastruktur, die es in dieser Dimension nicht mehr gibt. Im KWO war Burchert, im Mähdrescherwerk Bischofswerda, im Walzwerk Hettstedt. Auch Frauen sieht man an den Maschinen.

Burchert, gelernter Schlosser, später studierter Fotograf, fing neben der arbeitenden DDR auch die feiernde Republik ein. Ein Karussell, das sich dreht. Jungen, die auf einer Wiese, umstellt von Neubaublöcken, Purzelbäume schlagen. Auch offizielle Feiern sind zu sehen. Beispielsweise ein Empfang von Pionieren im Dresdner Rathaus.

Aus der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall gibt es nur wenige Arbeiten in der Ausstellung. Ein dynamisches Konzertfoto von Klaus Renft zum Beispiel, das die wilde Zeit und die hochschießenden Hoffnungen der damaligen Jüngeren darstellt. Dann aber ist mehr die neue Starre im Bild, die Leere der enttäuschten Hoffnungen.

Vor dem Rundbau des Planetariums Prenzlauer Allee ist nur eine Brache zu erkennen, davor ein Schild »Aufschwung Ost«, daneben ein Banner, das zur Blutspende aufruft. Blut für den Aufschwung Ost, damit die Brache belebt wird?

Burchert inszeniert solche Bilder nicht. Als Bildreporter fängt er ein, was da ist, komponiert lediglich durch Perspektive und Standort. Die motivischen Überlagerungen, die dann entstehen, können es aber in sich haben. Bei der Loveparade 2001 - wie viele Epochen liegt das jetzt schon zurück? - postierte er sich gegenüber einem Stand, der urberlinerisch Bockwurst mit Senf und Schrippe verkauft. Er hat aber auch schon Bacardi & Cola im - handgeschriebenen - Angebot. Auf der Kühlbox tanzt selbstvergessen ein Mädchen mit nackten Brüsten. Im Hintergrund die Statue des Sowjetsoldaten vom Denkmal am Tiergarten. Geschichte wird blitzartig deutlich. Lokalgeschichte und Weltgeschichte.

Ganz aktuelle Verwerfungen offenbart ein Bild aus dem Jahr 2010. Die Humboldt Box, noch im Bau, ist dort zu sehen, mit einem Plakat voller Versprechungen. Vom Betrachter bis zur Box ist wieder nur Brache, ein beliebtes Bildelement Burcherts anscheinend im Nachwende-Berlin. Im Vordergrund sieht man einen Mann in der Mülltonne nach etwas Brauchbarem wühlen. Man ist geneigt, eine Abwandlung des Mottos des vorletzten Bürgermeisters unter die Aufnahme zu schreiben: Berlin - arm und gar nicht mehr sexy.

Dass diese »Momente der Zeiten« ausgerechnet in der Galerie Bernau zu präsentiert worden sind, hat einen ganz besonderen Reiz. Sie wurde im Jahr 1989 kurz vor dem Mauerfall als die allerletzte kommunale Galerie in der DDR eröffnet. Nach der Wiedervereinigung war der Förderverein der erste, der sich im neuen Land Brandenburg ins Vereinsregister eintrug.

Dieses Engagement rettete die Galerie auch in den Zeiten, in denen sich die Kommune zurückzog. Seit dem Jahr 2013 ist sie wieder in kommunaler Trägerschaft. Auch das sind Umbrüche.

Momente der Zeiten. Galerie Bernau, 4. August -21. September, Dienstag - Freitag 10 -18 Uhr, Samstag 10-16 Uhr

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen