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Betsy Harris (London, 1963)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Betsy Harris«, korrigierte sie mich, »nicht Betty.« Schon da hatte ich sie für eine Australierin gehalten: Lange Arme, lange Beine, lässiger Gang, helle Haut mit Sommersprossen, rötliches Haar - und ja, ich war nicht im Irrtum. Wir hatten eine Menge Anknüpfungspunkte, während uns die Fähre von Holland nach England brachte. Dorthin wollte sie unbedingt, dort lebte der Vater ihres Jungen, des kleinen Ronny, den sie ständig um sich hatte, der drei Jahre alt und ein liebes Kerlchen war, und dass sie es mit Ronny von Brisbane über Gott weiß wie viele Länder bis hierher geschafft hatte, immer allein, immer die allein erziehende Mutter, war schon ein kleines Wunder.

Sie wirkte sehr eigen, sehr resolut, was immer sie tat, tat sie schnell und richtig, und der Junge war ihr keine Last. »Im Gegenteil, es war immer gut ihn dabei zu haben. Er hat mir manch heikle Situation erspart.« Sie war sich nicht sicher, ob der Vater den Jungen wirklich wollte, der hatte Ronny nicht gesehen, seit der ein Baby war, aber jetzt gab es in Chelsea ein Häuschen, dort würde Ronnys Vater in wenigen Tagen sein - »vielleicht heute schon«.

Folglich wunderte es mich arg, dass sie mich bei der Ankunft in Dover bat, sie in London bis hin zu dem Häuschen zu begleiten. Man könne nie wissen …

»Betsy, wieso? Dort erwartet dich dein Mann.« Sie lachte ein Lachen, das unschwer zu deuten war. »Komm einfach mit, bitte!« Ich hatte in London keine festen Pläne und sagte zu, auch weil ich ein wenig neugierig auf diesen Mann mit den neu entdeckten Vaterpflichten war.

»Wie heißt er?«

»Timothy.«

»Was macht er?«

»Das ist es ja«, sagte sie, »ich weiß es nicht. In Brisbane war er der ewige Student von Allerlei.«

Am Liverpool Street Bahnhof in London gab Betsy dem Taxifahrer den Straßennahmen in Chelsea, auch die Hausnummer. Während der ganzen Fahrt schwiegen sie und ihr Junge erwartungsvoll, dem passte ich mich an, und dann blickte ich, wie die beiden, mit blassem Erstaunen auf ein halb demoliertes Haus, über dem eine Abrissbirne schwebte. Der Arbeiter, der die Abrissbirne lenkte, verankerte sie gerade und kam dann auf die Straße.

»Ist das die Nummer vierzehn?«, fragte ihn der Taxifahrer.

»Ist die vierzehn«, bestätigte der Mann. Betsy lehnte sich im Sitz zurück und schloss einen Moment lang die Augen. »Was nun?«, hauchte sie. »Mummy, what is it?«, fragte Ronny. Ich entlohnte den Taxifahrer, wir stiegen aus, und dann standen wir vor der Ruine - sie mit ihrem Backpack und Tragetasche, ich mit Handgepäck - und entdeckten nicht die Spur von Ronnys Vater.

»Betsy«, sagte ich, »das bringt nichts.«

»Bringt nichts«, wiederholte sie dumpf.

Mir ging die Reise der beiden von Brisbane bis hierher durch den Kopf, eine Weltreise, und hatte viel Respekt für Betsy, als sie den Entschluss fasste: »Von hier weiche ich bis morgen nicht«.

»Willst Du in der Ruine übernachten - mit dem Jungen?«

»Will ich nicht. Muss ich«, sagte sie, »danke fürs Mitkommen.« Sie reichte mir die Hand, ganz die stoische Australierin. »Das war’s«, sagte sie, »und nochmals danke.«

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