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Keine Berührungsängste

Hunderte Menschen protestieren gegen rechten Aufmarsch in sachsen-anhaltischer Kleinstadt

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mehr als 700 Gegendemonstranten haben sich letzten Sonntag in Köthen eingefunden, um gegen einen »Trauermarsch« zu demonstrieren, zu dem unter anderem mehrere AfD-Abgeordnete aufgerufen hatten. Sie versammelten sich vor dem kleinen Bahnhof in Köthen.

Aus einem Lautsprecherwagen wummert Techno-Musik. Vor allem junge Menschen sind gekommen, um sich dem dritten rechten Aufmarsch entgegenzustellen, den die Stadt nach dem Tod eines jungen Mannes in der letzen Woche erlebt. Auch einige Politiker folgen dem Aufruf von »Dessau Nazifrei« – die Bauhausstadt liegt nur einige Kilometer entfernt. Die Politiker machen Gruppenfotos hinter ihren jeweiligen Parteiemblemen - die später auf Twitter gepostet werden, bekunden die Wichtigkeit, diesen Ort nicht der rechten Vereinnahmung zu überlassen.

»Wenn man Demokrat sein will, muss man heutzutage Antifaschist sein«, sagt die Landesvorsitzende der Grünen Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidl, im Laufe der Demonstration. Ein älteres Ehepaar steht etwas abseits der überwiegend in Schwarz gekleideten Menschenmenge. »Wir wollen nicht, dass unsere kleine Stadt zu einer Metapher für den Rechtsruck wird«, sagt der ältere Herr. »Ach, ihr kommt von hier?«, fragt eine Demonstrantin und nickt verwundert, aber auch anerkennend.

Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hatte den Bürgern der Stadt empfohlen, am Abend daheim zu bleiben und die Rollläden zu schließen. Doch die wenigsten Fenster sind in der Stadt am Abend verdunkelt. Angst vor den Demonstranten hat hier kaum jemand. Aus den anliegenden Häusern wird der rechte Aufzug, der weitgehend ohne viel Polizeibegleitung durch die Stadt zieht, freundlich gegrüßt, immer wieder gibt es Gespräche an den Straßenecken. Man kennt sich untereinander. Ähnliche Stimmung auf dem Marktplatz: Etwa 1300 Menschen hatten sich hier eingefunden.

Es ist nicht das erste Mal, dass hier rechte Reden geschwungen werden. Es ist auch nicht der erste Aufmarsch, den die Kleinstadt dieser Tage erlebt. Schon am letzten Sonntag und Montag fanden hier Veranstaltungen statt, die von Rechtradikalen dominiert wurden. Es kam zu Reden, die inzwischen Objekt von Strafermittlungen wegen Volksverhetzung geworden sind. Die Stimmung gleicht trotzdem eher einem Volksfest – Jugendliche laufen zwischen der Menge umher, Arbeitskollegen grüßen sich, die halbe Stadt scheint gekommen zu sein, um sich das Geschehen zumindest einmal anzuschauen. Berührungsängste hat man wenige. Zwar tragen einige Menschen Shirts mit klarer Symbolik – Support 88 steht da oder HKNKRZ. Angst vor Neonazis hat man aber keiner. »Die tun wenigstens was«, sagte eine ältere Frau, die von einer Bank am Marktplatz dem Geschehen beiwohnt.

Seit einiger Zeit beobachtet ein junger Mann das Geschehen von außerhalb der Absperrungen, mit denen die Polizei den Marktplatz abgesichert hat. »Ist es gefährlich für mich, dort hineinzugehen?«, fragte er eine Polizistin. »Das weiß ich doch nicht«, antwortet sie und lässt ihn passieren. Der Mann ist Student an der Hochschule Anhalt. Diese hat drei Standorte in Bernburg, Dessau und Köthen. Laut Aussage ihres Direktors beherberge die Schule die meisten ausländischen Studierenden in Deutschland. Hassan studiert dort, auch er kam zum Marktplatz, um sich die Proteste in der Stadt anzuschauen. Dort angekommen, wird er angepöbelt: »Ausländer raus« war noch das harmloseste, dass der Mann aus Afghanistan zu hören bekommt. Nach kurzer Zeit steht Hassan wieder hinter der Absperrung. »Das ist Spaß für sie« berichtete er. »Sie lachten dabei, als würden sie etwas Lustiges oder Mutiges zu mir sagen.«

Auf dem Marktplatz redet ein Gemisch aus AfD-Abgeordneten, freier Neonaziszene und rechten Granden, wie etwa der Publizist Jürgen Elsässer. Der rote Faden, der sich durch alle Beiträge zieht: Die Forderung, Bewegung und Partei stärker zusammenzuführen. Damit verbunden ist die Kritik an den AfD-Westverbänden, die sich nicht klar zu Straßenprotesten wie Pegida bekennen würden. Christoph Berndt vom Bündnis »Zukunft Heimat« droht Bundeskanzlerin Angela Merkel einen »heißen Herbst« an. Nach dem Singen der Nationalhymne löst sich die Versammlung auf.

Auch die linken Demonstranten machen sich auf den Weg nach Leipzig, Jena, Halle und Magdeburg. Henriette Quade von der LINKEN in Sachsen-Anhalt dankt allen, die den Tag über da waren. »Wenn eine Stadt entscheidet, die Rollläden zuzuziehen stärkt das die Nazis. Das ist unverantwortlich.«

Hassan bleibt alleine in seinem Wohnheimzimmer zurück. Dass die Köthener alle rassistisch sind, glaubt er nicht. »Die Leute sind meistens nett zu mir. Aber an Abenden wie diesen, da habe ich Angst, auf die Straße zu gehen«.

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