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Maaßregeln

Sieben Tage, sieben Nächte: Wolfgang Hübner über Guttenbergen, Guillotinieren und Einwecken

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Eine der ersten Regeln, die angehende Journalisten lernen, lautet: keine Wortspiele mit Namen. Vor- oder Nachnamen von Politikern und anderen hochmögenden Persönlichkeiten zum Zwecke der Herabsetzung zu verballhornen, verbietet sich. Denn wie man heißt, dafür kann ja keiner was. Nicht einmal der Verleger Johann Balhorn konnte das, der sich vor mehr als 400 Jahren mit einem schlampig redigierten Gesetzbuch derart in Verruf brachte, dass sich der Begriff verballhornen bis heute gehalten hat.

Der Volksmund nämlich - und erst recht der digitale - dreht und wendet die Namen mehr oder weniger beliebter Personen doch so, wie er es braucht. Und das findet wiederum Eingang in die mediale Sprache. Wer von der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik überprüft wurde, der wurde gegauckt. Ob es Herrn Gauck gefällt oder nicht - in der Umgangssprache wird die Erinnerung an diesen Teil seines Schaffens eher überdauern als seine Präsidentschaft, auch wenn er sich dabei noch so gut gefiel. Wer Leistungen nach dem Zweiten Buch des Sozialgesetzbuchs bezieht, der ist Hartzer. Zum Leidwesen von Peter Hartz, dem sein ramponierter Ruf allerdings mehr zu schaffen macht als die Schicksale der Betroffenen. Trösten mag ihn, dass die Assoziationen, die der Name des Arztes Joseph-Ignace Guillotin auslöst, noch unerfreulicher sind.

Nicht alles hat in der Sprache ein so langes Leben wie das Guillotinieren. Wer erinnert sich beispielsweise noch an das Guttenbergen - jene sonderbare Tätigkeit, bei der man eine »Doktorarbeit« erstellt, indem man Textbausteine von da und dort zusammenklaubt und -klebt. Dem gnädigen Vergessen ist ebenso das Wulffen anheimgefallen, das im Wesentlichen aus dem Entgegennehmen kleinerer und größerer Gefälligkeiten sowie aus hilflosen Rechtfertigungsversuchen nach Bekanntwerden der unappetitlichen Angelegenheiten besteht.

Aber auch Positives oder wenigstens nicht automatisch Anrüchiges erhält sich in zum Begriff geronnenen Namen. Das Einwecken geht auf Johann Carl Weck zurück, wenngleich der es nicht erfunden, dafür aber erfolgreich vermarktet hat. Louis Pasteur verdanken wir das Pasteurisieren, Alfred Kärcher das Kärchern, Wilhelm Conrad Röntgen das - ja, genau. Und die Racheaktionen gegen den englischen Gutsverwalter Charles C. Boycott haben sich im Boykott verewigt.

Aus aktuellem Anlass möchten wir dieser längst nicht vollständigen Liste eine sprachliche Perle hinzufügen. Wird jemand von seinem Posten weggelobt und fällt unverdientermaßen die Karrieretreppe nach oben, dann möge für diese Art von Strafe in Zukunft das Wort maaßregeln stehen.

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