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Landkreis ruft Katastrophenfall aus

Moorbrand im Kreis Emsland nach wie vor nicht unter Kontrolle

Wegen des Anfang September durch Raketentests der Bundeswehr ausgelösten Moorbrandes im niedersächsischen Landkreis Emsland haben die Behörden am Freitag den Katastrophenfall ausgerufen. Damit wappne sich der Kreis »für alle Eventualitäten«, sagte Landrat Reinhard Winter. Die Evakuierung der Gemeinden Groß und Klein Stavern könne nicht mehr ausgeschlossen werden: »Wir sind gut vorbereitet und wollen keine Unruhe erzeugen. Da der Schutz der Bevölkerung für uns an erster Stelle steht, möchten wir aber die Staverner frühzeitig darauf aufmerksam machen, dass eine Evakuierung nicht mehr undenkbar ist. Die rund 1000 Einwohner beider Orte sollten sich auf eine solche Maßnahme vorbereiten und vorsorglich die wichtigsten Dokumente sowie benötigte Medikamente zusammenpacken.« Eine konkrete Prognose sei derzeit nicht möglich, dennoch sei zu erwarten, dass sich Rauchbelästigung und Funkenflug verschärfen, sagte Winter mit Blick auf veränderte Wetterbedingungen.

Ein Tiefdruckgebiet mit Orkanböen und Regenschauer hatten am Morgen von Westen her das Emsland erreicht. Der Sturm könne mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 85 km/h über den Landkreis hinwegfegen, sagte ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes. Größere Regenmengen wurden nicht erwartet. Der Landrat kündigte zudem ein »engmaschiges Netz an Messpunkten« an, um die Belastung durch den Qualm ständig zu überwachen. Die Grünen in Niedersachsen verlangten, die Messwerte über mögliche Schadstoffbelastungen unverzüglich zu veröffentlichen.

Der durch eine von einem Hubschrauber abgeschossene Rakete ausgelöste Moorbrand auf dem militärischen Testgelände hatte sich am Freitag auf eine Fläche von über acht Quadratkilometern - etwa 1000 Fußballfelder - ausgebreitet. Die Bundeswehr äußerte sich am Mittag zur Lage. Demnach sind Feuerwehr und andere Einsatzkräfte auf 1300 Mann verstärkt worden. Aus Husum in Schleswig-Holstein waren bereits am Donnerstagabend Soldaten eines Pionierregiments eingetroffen. Sie sollen zusätzliche Einsatzmöglichkeiten von Faltstraßen und Pipelines zur Wasserbeförderung und Flutung des betroffenen Moorgebietes erkunden - dies soll die unterirdische Ausbreitung des Feuers zumindest eindämmen. Um zu verhindern, dass sich das Feuer auf Gebiete außerhalb des Bundeswehrgeländes ausbreitet, hat die Feuerwehr 500 zusätzliche Einsatzkräfte angefordert. Die Brandbekämpfung zieht sich auch deshalb so lange hin, weil auf dem Areal Munitionsreste liegen. Das Gelände wird seit 1876 militärisch genutzt und gilt offiziell als blindgängergefährdet.

Bis alle Glutnester erstickt sind, kann es nach Ansicht von Experten noch ein bis zwei Wochen dauern. Das Problem ist neben dem Wind, der die Glut immer wieder anfacht, der torfige Boden, in den das Löschwasser nicht tief genug eindringen kann. Der Naturschutzbund (NABU) kritisiert, dass die Bundeswehr auf dem Gelände bei derart trockenen Bodenverhältnissen überhaupt Munition getestet hat. Die Umweltschützer schätzen, dass bislang 500 000 bis 900 000 Tonnen Kohlendioxid durch das Feuer in die Luft gelangt sind - so viel, wie 50 000 Bundesbürger zusammen im Schnitt pro Jahr verursachen.

Nach Angaben der Bundeswehr hat der Brand keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Lungenärzte widersprechen. Die Rauchwolke führe zu einer massiven Feinstaubelastung und sei eine Gefahr für die Gesundheit, sagte Michael Barczok vom Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner. Je nachdem, wie der Wind gerade stehe, sei es für Anwohner so, als ob sie sich in einen komplett verräucherten Raum setzen: »Es ist, als ob sie fünf Zigaretten gleichzeitig rauchen - nur ohne Nikotin.« Mehrere Tage lang war die Rauchwolke bis in die rund 130 Kilometer entfernte Großstadt Bremen zu sehen und zu riechen gewesen. Am Freitag zog sie bis an die Nordseeküste.

Am Donnerstag hatten Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) und Verteidigungsstaatssekretär Gerd Hoofe die Region besucht. Pistorius kritisierte dabei die Informationspolitik der Bundeswehr. Sie habe die Landesbehörden bis Donnerstag nicht offiziell über den Ausbruch des Moorbrandes informiert.

Hoofe entschuldigte sich bei den Anwohnern für die belastende Situation. Er räumte »gewisse Probleme in der Kommunikation« ein. Ein täglicher Infoflyer über den Fortgang der Löscharbeiten und die Messwerte von möglichen Schadstoffbelastungen solle ab sofort veröffentlicht werden. Zu Kommunikationsproblemen sei es gekommen, weil bei der Bundeswehr zunächst der Eindruck vorgeherrscht habe, dass der Brand auch ohne fremde Hilfe gelöscht werden könne. »Das stellte sich später als Trugschluss heraus«, sagte Hoofe weiter.

Der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) hatte am Mittwoch Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat nun ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Es gebe einen Anfangsverdacht - unter anderem für Brandstiftung und Umweltdelikte. Bei einer vorsätzlichen Brandstiftung liege die Mindeststrafe bei einem Jahr Freiheitsstrafe, sagte ein Sprecher. Neben der Frage, wer für den Ausbruch verantwortlich ist, prüfen die Juristen auch, ob alle Maßnahmen ergriffen wurden, um eine Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

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