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  • Sport
  • Doping in Russland

Unter olympischer Aufsicht

Forderungen nach Zulassung der russischen Antidoping-Agentur: WADA muss entpolitisiert und unabhängig werden

  • Von Andreas Schirmer, Frankfurt/Main
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach dem großen Aufschrei gegen die Begnadigung Russlands wird der Ruf nach einer Reform der Welt-Antidoping-Agentur WADA immer lauter. »Es muss eine neue Führungsstruktur in der WADA geben. Nicht nur wenige Interessengruppen dürfen ein Übergewicht haben«, forderte Silke Kassner, stellvertretende Athletensprecherin im Deutschen Olympischen Sportbund, am Freitag. »Die Struktur muss entpolitisiert werden, es müssen mehr Experten in die Gremien der WADA.« Für die Vorstandschefin der deutschen Agentur NADA, Andrea Gotzmann, wäre nach dem »Bad Deal« der WADA mit der Aufhebung der Suspendierung der russischen RUSADA der richtige Zeitpunkt, wirkliche Veränderungen zu erreichen. »Es ist ein Beispiel dafür zu fragen, wie sich die internationale Antidoping-Arbeit entwickeln muss«, sagte sie. »Die WADA geht geschwächt aus dieser Entscheidung hervor.« Unterstützung erhält sie vom Leiter der US-Agentur USADA, Travis Tygart. »Der Weg zur stärkeren WADA muss jetzt beginnen«, betonte er. »Es wird nichts passieren, wenn wir, die Antidoping-Gemeinschaft, mit der WADA-Reform nicht beginnen.« Es gehe dabei vor allem auch um die Beseitigung eines »inhärenten Interessenkonflikts, der durch den IOC-Fuchs entsteht, der den WADA-Hühnerstall bewacht.«

Das Internationale Olympische Komitee zahlt nicht nur die Hälfte des WADA-Budgets - die andere kommt von staatlichen Regierungen. Agenturpräsident Craig Reedie ist zugleich IOC-Mitglied, ebenso andere Mitglieder im Foundation Board und im Exekutivkomitee der Weltagentur. »Da sehen wir eine Häufung der Ämter und damit verbundene Interessenkonflikte«, sagte Gotzmann. »Zu den neuen Strukturen soll gehören, dass die Position des Präsidenten mit einer unabhängigen Person besetzt wird - und dass in den WADA-Strukturen ein Nominierungskomitee und Ethikpanel installiert wird.«

Die NADA hat sich 2011 neue Strukturen gegeben, mit einer klaren Trennung des operativen Geschäfts vom Aufsichtsrat und einem Gleichgewicht der Kräfte. »Wir haben natürlich noch die Geldgeber dabei, aber wir haben ebenso externe Experten benannt und die Athleten mit einer Stimme beteiligt: Silke Kassner ist derzeit die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende«, erklärte Gotzmann. »Wir erwarten dies auch bei der WADA, um die Interessenskonflikte deutlich zu reduzieren; ebenso die Ämterhäufung.« In einer WADA-Kommission wirkt die NADA-Chefin an der Reform mit. Ende Oktober soll die letzte Sitzung sein: »Dann werden wir sehen, wo Konsens mit den Regierungsvertretern und denen des Sports besteht.«

Unterdessen hielt die Kritik an der WADA an, Russland ohne die vorherige Erfüllung aller Bedingungen die Rückkehr in den Weltsport zu ebnen. Dass diese Rückkehr damit verknüpft wurde, den WADA-Experten bis zum 30. Juni 2019 den Zugang zum Moskauer Analyselabor mit den dortigen Dopingdaten und -proben zu gewähren, besänftigte wenig.

»Es ist ein fragwürdiges Signal für den Weltsport, wenn nun die WADA von ihren aufgestellten Kriterien für eine Wiederzulassung der RUSADA abweicht und sie ohne deren vollständige Erfüllung wieder zulässt«, kritisierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Damit falle es schwer, das Vertrauen in die WADA zu stärken.

»Wir erwarten vollkommene Transparenz«, betonte auch Aktivensprecherin Kassner. Sie schließt auch juristische Schritte gegen das WADA-Votum nicht aus. »Wir behalten uns vor, den Internationalen Sportschiedsgerichtshof anzurufen, sofern die Voraussetzungen dafür gegeben wären«, kündigte sie an. »Es wäre ein gutes Signal gewesen, die RUSADA weiterhin nicht zuzulassen. So wird akzeptiert, dass systematisch gegen Regeln verstoßen wurde«, meinte Christian Baumgartner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber. »Es ist leider bis heute von keinem dopingbelasteten Verband eine Entschuldigung an jene Sportler ausgesprochen worden, die betrogen worden sind. Es ist schwer zu glauben, dass die RUSADA unter neuer Führung so sorgfältig arbeitet wie die Agenturen in anderen Ländern.«

Mit Unverständnis reagiert der Deutsche Behindertensportverband. DBS-Vizepäsident Karl Quade bemängelte den WADA-Entscheid als »inkonsequent« und einen »herben Rückschlag«. Das Internationale Paralympische Komitee hält die RUSADA-Wiederzulassung zunächst für einen richtigen Schritt. Ob das IPC nun die Sperre für Russlands Behindertensportler aufhebt, ist noch nicht entschieden. Auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF, der Russlands als erster und bis heute suspendierte, wird den Bann noch nicht aufheben.

Zufrieden ist der Kreml in Moskau. »Wir bewerten den Beschluss der WADA positiv«, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Es stehe aber noch ein langer Weg bevor, bis sich die Arbeitsprozesse wieder normalisiert hätten.

Gemischte Gefühle hegt in der Causa Snowboard-Athletensprecher Konstantin Schad. »Ich sehe es so, dass man überhaupt keine Chance gehabt hätte, an diese Proben heranzukommen, wenn man die RUSADA weiterhin nicht anerkannt hätte«, sagte er. »Andererseits kann ich auch die Entrüstung vieler Athleten und anderer Menschen aus dem Sport verstehen.« dpa/nd

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