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Die eine dünn, die andere sexy

Wlada Kolosowa verschmilzt eine verrückte Geschichte mit einem historischen Diskurs

  • Von Friedemann Kluge
  • Lesedauer: 2 Min.

Was hat die Magersucht mit der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht zu tun? Oksana blickt nicht ganz ohne Neid auf ihre Freundin Lena mit ihrer Modelfigur. Oksana will abnehmen und sucht einen geeigneten Weg dazu. Ihre Beschäftigung mit der Blockade Leningrads bringt sie auf den etwas makabren Gedanken, sich ausschließlich so zu ernähren, wie die Menschen in Leningrad sich zu ernähren gezwungen sahen, und diese »Rezepte« für andere Bedürftige auch noch ins Netz zu stellen. Wie die Menschen in jener Zeit zu überleben versuchten, erfährt sie von einer Zeitzeugin des damaligen Grauens, Lenas dementer Oma »Baba Polja«. Beispielhaft seien angeführt: »Grasküchlein, gebacken in Industrieöl; Mehl aus Eichenrinde; Tapetenkleistergelee mit Nelken und Lorbeerblatt; Pappmaché-Buletten«. Authentisch ist überliefert, dass die Hungernden ihre Haustiere, Ratten, Vögel und Lederriemen aßen, dass sie aus Baumrinde tatsächlich Mehl und Gelee gewannen usw. Ihrem Buch voran stellt die Autorin glücklicherweise eine Warnung: »Die angeführten Rezepte schaden der Gesundheit, schmecken fürchterlich und garantieren keinen Gewichtsverlust.«

Ihre Freundin Lena bastelt indessen an einer etwas zweifelhaften Karriere als Model, was sie von Oksana fort nach Singapur führt. Dort muss sie aber nicht nur billige Kleidung anlegen, sondern auch zusammen mit anderen Mädchen dem einen oder anderen Herrn gefällig sein. Manchmal verschwinden diese »Kolleginnen« einfach, zurück in die Heimat, »mit ein paar Tausend Dollar und einigen Geschlechtskrankheiten«.

Vorübergehend scheinen die beiden Freundinnen auseinanderzugeraten - um sich am Ende umso heftiger (und auch intimer) zu lieben. Da malen Oksana und Lena sich aus, wie es wäre, wenn Hunde fliegen könnten. Dann - zum Beispiel - »hätte dieser Windhund durchsichtige Libellenflügel«.

Man weiß bei Kolosowas Roman bisweilen nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ist das alles eine gut gemachte Satire? Muss man die Story unter »Fantasy« rubrizieren? Wahrscheinlich von beidem etwas. Mir steht der Sinn mehr nach Satire, die insofern gelungen ist, als die in Berlin lebende Autorin sich weder über das unendlich traurige Kapitel Blockade noch über das in anderer Weise traurige Phänomen Magersucht in irgendeiner Weise lustig macht, sondern diese durchaus seriös mit einem gelegentlichen Augenzwinkern abhandelt. Über die historischen Tatsachen der 872-tägigen Blockade bietet Kolosowa den Lesern zudem en passant immerhin so viele Informationen, dass damit die Empathie eines jeden angestachelt werden dürfte.

Eine ungewöhnliche, etwas verrückte, gelegentlich sogar bizarre Geschichte.

Wlada Kolosowa: Fliegende Hunde. Roman. Ullstein, 223 S., geb., 20 €.

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