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Der andere Zugang zur Welt

Im Kino: »Ava« von Léa Mysius ist ein wunderbares Drama über eine erblindende Teenagerin

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

Ava ist dreizehn Jahre alt und wird bald erblinden. In ihrem letzten Sommer, in dem sie die Welt wird sehen können, verliebt sie sich in Juan (Juan Cano), der aus seiner Siedlung verstoßen worden ist, nachdem er sich mit einem Nebenbuhler um eine Frau gestritten hat. Als Ava ihn findet, liegt er mit einer Messerwunde am Strand. Das sind im Groben die Prämissen dieses von der ersten Einstellung an wundersamen und wundervollen Films.

Die Erwartungen, die man mitbringt ins Kino, bestimmen das Film- erleben mit. Man hofft auf (oder fürchtet) ein schwergängiges Drama oder eine melancholische Coming-of-Age-Geschichte. »Ava« aber gelingt etwas ganz Eigen- und in dieser Form auch Einzigartiges: Irgendwie schafft Regisseurin Léa Mysius es in ihrem formvollendeten Debüt, in nahezu jeder Szene alle möglichen Stimmungen, Gefühle und Wahrnehmungen mitzunehmen, ohne dass die einen die anderen unterlaufen oder gar verstopfen. »Ava« schießt mit fast jedem Bild, mit fast jeder Szene in viele Richtungen. Dieser Film ist traurig, vitalistisch, realistisch, kippt punktuell ins Groteske, optimistisch und niederschmetternd zugleich; und immer wieder hochkomisch.

Wenn Ava (Noée Abita, die in ihrem Spiel Präzision und performativen Energieüberschuss zusammenbringt) sich verliebt, ist das sehr lustig und zugleich von einem geradezu heiligen Ernst. Wenn Avas Mutter Maud (Laure Calamy) weint, weil die Tochter das Augenlicht verliert, donnert Ava wenige Filmmomente später mit dem Kopf gegen ein Stoppschild, das für alle anderen gut sichtbar in der Landschaft rumsteht. Die Mutter lacht. Wenn Ava ihre neugeborene Schwester im Gitterbett alleine schreien lässt, um im Garten mit der Augenbinde zu üben, was es heißt, blind zu sein, ist das Zeichen von pubertär-egozentrischem Tunnelblick und psychologisch nicht nur vollkommen nachvollziehbar, es fühlt sich auch schlicht richtig an, auch wenn es falsch ist. In Gefahr und größter Not muss man eben Prioritäten setzen. Und Mysius gelingt es im Handumdrehen, die Prioritäten ihrer Heldin zu denen der Zuschauer*innen zu machen.

All das ist möglich, weil die Prämisse ganz nonchalant das gesamte Geschehen so einfärbt, dass es so bedeutsam wird, wie es im inneren Erleben der Heldin tatsächlich ist. Heißt: Jede pubertäre Beklopptheit wird hier als Konzentrat eines Schicksals spürbar, das wir alle teilen - irgendwann einmal wird es für jeden von uns zappenduster, und das bleibt, auch wenn man es in Ruhe bedenkt, ein Skandal. »Ava« verbindet dieses schmerzvolle Wissen um die Endlichkeit mit einem so kompromisslos-freundlichen Blick auf das desolate Treiben seiner Figuren, dass der Film an keiner Stelle existenziell-wichtigtuerisch vor sich hin dröhnt. Alles, was er sagen und erzählen will, flattert einem mit sommerlicher Leichtigkeit ins Hirn und in die Herzgegend. Und nicht zuletzt ist »Ava« ein ganz wunderbarer Strandfilm.

Auch formal ist all das von einer bestechenden Stringenz. Léa Mysius ist eine der eindrucksvollsten Albtraumsequenzen der letzten zwanzig Jahre gelungen. Ava plagen Albträume, ein Baby ohne Augen, ein Augapfel in ihrem Mund, die Mutter mit gespreizten Beinen auf dem Küchentisch (wie überhaupt die Sexualität der Mutter in dem ganzen psychologischen Gefüge hier eine große Rolle spielt). Das Gegenstück dazu bildet eine gleichfalls überraschende Tanzszene im letzten Filmdrittel. Die Souveränität, mit der Mysius ihre Mittel durchweg in Anschlag bringt, egal bei welcher Stimmung, ist beeindruckend.

»Ava« handelt auch vom Sehen selbst, und ist damit zugleich ein Film über das Kino. Im dunklen Kinosaal läuft der primäre Zugang zur Welt auf der Leinwand über die Augen, um dann diese Welt im Resonanzraum des Zuschauers zur Entfaltung zu bringen. Das Mädchen Ava versucht mit aller Energie, sich ihren Zugang zur Welt so lange und so weit, wie es geht, offen zu halten. Die Bilder aber werden zunehmend dunkler und enger. »Ich will die Erinnerung retten«, sagt Ava, was »Ich wünsche« bedeuten soll. »Ich will mich retten.« Beide Sätze markieren zwei der größten geheimen Versprechen des Kinos.

»Ava«, Frankreich 2017. Regie: Léa Mysius; Drehbuch: Léa Mysius und Paul Guilhaume; Darsteller: Noée Abita, Laure Calamy, Juan Cano. Länge: 101 Minuten.

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