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Es wird wenig gelacht!

Kunstraum Bethanien stellt die politisch-gesellschaftliche Satire in der Türkei aus

Dass Karikaturisten in der Türkei des Recep Tayyip Erdogan Gefahr laufen, im Gefängnis zu landen, ist hinlänglich bekannt. Schon Journalisten, die die gegenwärtigen Zustände nicht überspitzen, landen hinter Gittern. Erst recht also jene, die mit ihrem Strich die Lage noch verschärfen. Selbst wenn dies nur eine sanfte Verschärfung ist. Musa Kart etwa zeichnete Erdogan als Katze. Türkische Gerichte werteten dies als »Terrorunterstützung« und verurteilten Kart zu drei Jahren und neun Monaten Haft.

Es wäre schön, wenn Außenminister Heiko Maas, als früherer Justizminister durchaus ein Rechtsexperte, die Delegation seines Staatsgasts Erdogan zu einer Art improvisierter Beweisaufnahme in die Ausstellung »Wir verrecken vor Lachen! - 50 Jahre Karikatürkei« ins Bethanien mitnähme. Die präsidiale Katze ist dort unter Schwarzlicht zu sehen.

Ein paar Schritte weiter ist das Remake einer Karikaturausstellung aus den 1980ern installiert. Der damalige Militärputsch führte ebenfalls zu vollen Knästen. Hunderte der Inhaftierten begannen zu zeichnen. Ihre Bilder wurden herausgeschmuggelt, in Zeitschriften veröffentlicht und sogar in einer Ausstellung vereinigt. Die Besucher sollen Schlange gestanden haben, erwähnt der Begleittext. Und die Zeichner, einige davon zum Tode verurteilt, waren beglückt über ihr neues Ausdrucksmittel. Angesichts dieser grotesken Situation verwundert die Harmlosigkeit vieler Zeichnungen. Es wird zu wenig gelacht.

Eine Arbeit, die heraussticht, zeigt einen Mann, der in Kurdistan in seinem Haus sitzt und Fernsehen schaut, allerdings wurden die vier Wände seines Hauses weggeschossen. Damit befindet er sich im öffentlichen Raum und verletzt die Ausgangssperre, die von gepanzerten Patrouillen überwacht wird. So schnell bricht Gesetze, wer einfach nur zu Hause bleibt. Andererseits, natürlich, droht für Bilder wie dieses wohl auch Gefängnis, was die Lust an der scharfen Linie bremst. Viele Arbeiten spielen daher mit Andeutungen und Zwischentönen, die meist nur aus dem Inneren der Gesellschaft heraus zu verstehen sind. Noch mehr Einführung, noch mehr Kontext hätte der Ausstellung gutgetan.

Interessant sind aber auch die Pfade, die aus der politischen Karikatur herausführen. Im Bereich »18 +« werden Zeichnungen gezeigt, die mit Sexualität spielen. Meist handelt es sich um aus männlich-heterosexueller Perspektive heraus gedachte Sexualität. Homosexuelle Lebensweisen tauchen immerhin in jüngeren Arbeiten auf. Sehr schön die düster gezeichnete Serie über einen als Gangster dargestellten Mann, der einen anderen Mann und eine Frau mitten im Liebesakt erschießt. Er tötet allerdings nicht seine Geliebte und den Nebenbuhler. Opfer ist vielmehr sein untreuer Freund, der ihn zudem noch mit einer Frau hintergeht.

Ein eigener Bereich ist den Zeichnungen und Graffiti rings um die Gezi-Park-Proteste gewidmet. Schönste Arbeit hier: Ein Porträt von Erdogan mit der Aufschrift: »Tayyip ist zwar ein guter Typ, aber sein Umfeld ist nur schlecht.« Wer übernimmt die Sozialarbeit?

Auch eine Überraschung bietet die Ausstellung. In einem Raum fallen die leeren Wände auf. Nur Millimeterpapier ist angebracht, darüber die Namen bekannter Karikaturisten. Sind die Leerstellen ein Protest gegen die Verfolgung von Zeichnern? Ist die Ausstellung selbst möglicherweise Objekt von Zensur geworden? Die Auflösung ist einfach. Die Karikaturen kommen noch. Jede Woche steuert ein anderer Künstler, eine andere Künstlerin eine aktuelle Arbeit bei.

Die erste in dieser Reihe zeigt einen Mann, der an einer Wechselstube vorbeigeht und angesichts der in die Höhe schießenden Kurse für Dollar und Euro denkt: »Boah, krass. Da geht es mir noch gut. Was, wenn ich jetzt im Ausland in Urlaub wäre?«

Bis 4. November im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, täglich 11 bis 20 Uhr.

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