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Männer, Frauen, Berge, Krieg

Georgien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, seine Literatur ist kämpferisch

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Heute erscheint der riesige Raum, den die Nachfolgestaaten der Sowjetunion einnehmen, so fern wie das Römische Reich und deren Gegenwart und Geschichte so unverständlich wie ägyptische Hieroglyphen. Politische Debatten erschöpfen sich zu oft in der Grundfrage »Wie hältst du es mit Putin?« bzw. »Bist du für oder gegen die Russen?«.

Der Gastlandauftritt des kleinen Georgiens in Frankfurt am Main ist eine gute Gelegenheit, das zu ändern. Über 200 Titel wurden ins Deutsche übersetzt. Die Geschichte der Kaukasusrepublik steht exemplarisch für Glanz und Elend eines Aufbruchs in die Moderne und das Abgleiten in stalinistischen Terror, Stagnation und Zerfall. So stellt Lasha Bakradze, Direktor des Staatlichen Literaturmuseums, bei uns am Stand die erste sozialistische Republik auf später sowjetischem Boden vor, die dem Machtanspruch der Bolschewiki zum Opfer fiel. Die regionalen Kriege seit den 1990er Jahren, der wirtschaftliche Zusammenbruch, Korruption, Verrohung, autoritärer Nationalismus und nicht zuletzt das unheilvolle Wirken religiöser und quasireligiöser Heilsbringer sind ein wesentliches Thema der zeitgenössischen georgischen Literatur und können exemplarisch für die Geschichte der GUS-Staaten gelesen werden.

Den großen Wurf wagt der 1977 geborene Lasha Bugadze in seinem 570-Seiten-Roman »Der erste Russe«, in dem er seine eigenen Erfahrungen als Schriftsteller verarbeitet, der sich mit der mächtigen Kirche wie auch den Medien und der politischen Elite seines Landes anlegt. Eigentlich will er nur eine politische Satire über eine legendäre Königin des 13. Jahrhunderts schreiben, die, wie das damals üblich war, mit einem adligen Taugenichts russischer Herkunft verheiratet wird und diesen nach kurzer Zeit ob seiner Unfähigkeit aus dem Haus wirft. Der Roman beginnt 1988, als der elfjährige Ich-Erzähler mit Klassenkameraden eine nationalistische Partei - das war gerade in Mode - gründet, im sowjetischen Fernsehen die ersten Seifenopern, Erotikfilme und TV-Wunderheiler aller Art zu Gesicht bekommt, die wahlweise um die Auferstehung Lenins, Zar Nikolaus’, Stalins oder der lieben Großmutter gebeten werden. Die orthodoxe Kirche indes bläst zur Missionierung der gottlosen Bevölkerung, der Ich-Erzähler wird auf Pilgerfahrt geschickt. Noch lachen die Dorffrauen über die religiösen Eiferer, die sie für eine Abtreibung in die Hölle schicken wollen. Das Militär schlägt mit Panzern und Klappspaten Demonstrationen in Tbilisi nieder, in den Nachrichten findet sich nichts davon. Also ist Russland schuld, denn »Russland ist die gekränkte böse Stiefmutter«, Außenminister Schewardnadse trauert, und keiner hat einen Befehl gegeben. Die sowjetische Nomenklatura ist gut vorbereitet auf den Zerfall, aus Parteigrößen werden glühende Patrioten, die wie zuvor mit gleicher Arroganz und gelenktem Volkswillen regieren und alle Bereiche des Lebens unter ihre Kontrolle bringen wollen. Krieg ist nur ein Mittel, um das Staatsvolk in eine Geschlossenheit zu zwingen, die Fragen nach den Profiteuren gar nicht aufkommen lässt. Das alles wäre so deprimierend, wenn nicht Bugadze so ein begnadeter Erzähler wäre, der mit viel Selbstironie, satirischer Schärfe und einem Gespür für Situationskomik von den letzten 30 Jahren berichtet. Der Berliner Literaturforscher Zaal Andronikashvili, der sich mit den Wechselwirkungen von Literatur und Politik befasst, bezeichnet zu Recht diesen Roman als ein Werk, dem die Forschung folgen müsse, um von den nationalen Mythen und Märchen loszukommen und sich ernsthaft der Geschichte zu stellen.

Mit anderem Gestus, feinfühliger, metaphorischer, behandelt die 1957 geborene Tamri Fkhakadze in »Gärtnern im Kriegsgebiet« gesellschaftliche Verwerfungen. Ihr Held Robinzon interessiert sich nicht für Politik, er will nach dem Tod der Eltern zurück in sein Dorf und den Hof übernehmen, er ist Bauer mit Leib und Seele. Nur hat sein Bruder heimlich das Land verkauft, um nach Amerika auszuwandern - etwa eine Million Georgier entflohen nach 1990 der Perspektivlosigkeit. Er steht vor dem Nichts und beschließt, ein ödes Stück Land in einen Gemüsegarten zu verwandeln. Doch alle reden von der Heimat, die zu verteidigen sei, und die Einschläge rücken näher. Robinzon kann nicht glauben, dass Menschen so gedankenlos zerstörerisch sind wie sein Nachbar Oleg, der den Walnussbaum seines Großvaters gefällt hat. Das große Reden vom unbesiegbaren Militär entpuppt sich als leeres Gerede, übrig bleibt nur noch rohe Gewalt, Robinzon entschließt sich zu einer Verzweiflungstat.

Das Kämpfertum und eine ganze Schattenwirtschaft, die sich darum herum gebildet hat, beschreibt der 1967 geborene Gela Tschkwanawa, der selbst Soldat war und heute als Vertriebener in Georgien lebt. Seine Helden sind kleine Machos, die mal als irreguläre »Bojewiki« ihre Nachbarn beschießen, mal mit genau diesen Nachbarn einen umfangreichen Schmuggel betreiben, ihre mafiösen Netzwerke pflegen, ihre Frauen betrügen, schlagen, verlassen und in ihren Männercliquen sich dem Saufen, Prahlen und Geschichtenerzählen hingeben. Die Geschichten sind amüsant, der Tod weniger, er kommt banal und beliebig daher, rassistische Ressentiments (Georgien ist ein Vielvölkerstaat) taugen nur als halbherzige Rechtfertigung für Tötungen, und alle Beteiligten wissen das. Es bleibt das Gefühl von Sinnlosigkeit und von »unerledigten Geschichten«. Das Leben ist kein Propagandafilm, ein Verlust folgt dem anderen, hier wird das Heroische entheroisiert, und das macht das Besondere, das Hoffnungsvolle an dieser gegenwärtigen georgischen Literatur aus - dass sie sich den Feindbildern entgegenstemmt und eine zivilisierte, eine freie Gesellschaft einfordert.

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